Betrifft Kinder

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Rot werden kann man aus ganz unterschiedlichen Gründen – Verlegenheit, Verliebtheit, Schüchternheit oder Wut. Und auch das Herz fängt nicht nur nach schnellem Laufen an, heftig zu pochen. Was da in uns passiert und wie Empfinden und körperliche Reaktionen sich gegenseitig bedingen, das ist ein Wissen, das kleine Menschen erst erlernen müssen. Große Gefühle sind von Anfang an da – die Kunst liegt darin, sie auch zu erkennen und sie benennen zu können. Mit den richtigen Bilderbüchern können Kinder dem Geheimnis einen kleinen Schritt näher kommen.


Klein

Eine Meisterin in der Darstellung tief empfundener Gefühle mit ganz wenigen Strichen ist die schwedische Illustratorin und Autorin Stina Wirsén. Schon ihre kleinformatigen Nalle-Bücher zeigten in humorvoller und sehr sensibler Weise, wie kleine Wesen von großen Gefühlen geradezu überwältigt werden können: Liebe, Glück, Eifersucht, Angst  – in den vier kleinen Bänden steckt alles. Im Zentrum steht Nalle, ein kleines, beinahe hingekritzeltes Fantasiewesen, das beim Backen mit Oma oder der Übernachtungsfeier mit seinem Freund, beim versunkenen Spiel ganz für sich allein oder der Machtprobe mit dem großen Nalle Gefühle kennenlernt. Jetzt liegt ein neues Buch der Minimalistin vor, das erneut ein kleines Fantasiewesen in den Fokus rückt. Doch ist der Grundton dieses neuen, abermals kleinformatigen Bilderbuchs ein anderer. Schon das Titelbild von »Klein« lässt ahnen, dass es hier weniger leicht und humorvoll zugeht.

Zu sehen ist ›Klein‹, wenig Raum einnehmend, vor einem erdrückend großen, leeren Hintergrund. Es lässt die Ohren hängen, hat Beine und Hände zusammengepresst, den Blick leicht erhoben – alles an ihm drückt Unsicherheit, Angst, Verlassenheit aus. ›Klein‹ wohnt bei ›Groß‹ und ›Stark‹, die sich oft streiten und alle Fröhlichkeit aus Kleins Leben vertreiben. Klein muss die Wut und die Trauer der beiden Großen hilflos mit ansehen; Trost wollen sie nicht, weder empfangen, noch geben, und so bleibt Klein mit seinen traurigen Gefühlen allein.

Stina Wirsén greift ein Thema auf, das vielen Kindern nur zu bekannt ist. Sie leben in einer Welt, in der Erwachsene oft um sich selbst und ihre eigenen Probleme kreisen, ohne ihre Kinder mit einzubeziehen. Von ihren negativen Gefühlen beherrscht, bleibt kaum Raum für ein wenig Zuwendung, und die Verzagtheit und die Einsamkeit des Kleinen wird von Wirsén mit wenigen Strichen so stark ausgedrückt, dass manche Bilder zu Tränen rühren. Doch die Illustratorin lässt ihren kleinen Helden nicht in seiner ausweglosen Situation allein. Die Erkenntnis »›Klein‹ muss sich selbst retten!« bringt einen Wendepunkt. ›Klein‹ holt sich Hilfe von den Nachbarn und der Erzieherin im Kindergarten. Es gelingt ihm, von zu Hause zu erzählen, von seinen Gefühlen und seiner abgrundtiefen Traurigkeit. Die Hilfe, die ›Klein‹ daraufhin erfährt, stärkt auch das betroffene, lesende Kind: »Du bist klein. Du bist gut. Dir darf man keine Angst machen. Dich darf man niemals stoßen oder schlagen. So ist das. Deine Großen sollen sich um ihr Klein kümmern.«

Es gibt kein Allheilwundermittel und kein aufgesetztes glückliches Ende, in dem ›Klein‹ plötzlich die Liebe durch »seine« Großen erfährt – aber es gibt ein hoffnungsvolles Ende, in dem gezeigt wird, dass alle Großen im Leben eines Kleinen die Aufgabe haben, sich zu kümmern. Ein wahnsinnig starkes Buch über die Rechte der Kinder, das jedem Kind zugänglich gemacht werden sollte.







Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen

Für alle ängstlichen und schüchternen Katzen der Welt baut Henriette ein Heim. Hier will sie ihre Gäste aufnehmen und ihnen et-was über Mut und Durchsetzungskraft beibringen. Sie klettern mit den Katzen auf Bäume, trainiert mit ihnen das Springen, Schnurren und Strecken und gewöhnt die Tiere an unheimliche Geräusche. Und auf sehr behutsame Art verkehrt sie die Angst mancher Katze ins Gegenteil: verkriecht sich eine in den finstersten Winkel, lobt sie ihren Mut, sich allein in die Dunkelheit zu wagen. Doch auch Henriette hat vor etwas Angst, und eines Tages braucht sie dringend die Hilfe ihrer vierbeinigen Freunde – doch ob die den Mut dazu aufbringen?

»Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen« ist ein witzig gemaltes Bilderbuch, das zeigt, wie wir über unsere Angst hinauswachsen können, wenn andere unsere Hilfe brauchen.



Wenn Lisa wütend ist
 

Mitunter nehmen Kinder und ihre Gefühle auf andere Weise großen Raum ein. Wenn etwa die Wut ins Spiel kommt. Wenn Lisa wütend ist, geht man ihr besser aus dem Weg, denn sie wird dann so groß, dass nichts mehr neben ihr Bestand hat. Heinz Janisch findet Worte für das, was passiert, wenn Lisa sich so richtig ärgert, und Manuela Olten setzt sie illustratorisch in ihrem unverwechselbaren Stil um.

Großmäulig, hitzköpfig und voller Zorn tobt Lisa über eine Doppelseite nach der anderen, verknotet Bäume, verschiebt Häuser und stampft so laut auf, dass man es auf der anderen Seite der Welt noch hören kann – bis ihre Wut nach einem beeindruckenden Zorngeschrei so plötzlich endet, wie sie begonnen hat. Streng genommen erzählt dieses Bilderbuch keine Geschichte – wir erfahren zum Beispiel nicht, was Lisa so wütend gemacht hat. Stattdessen zeigen elf große Doppelseiten in witzig-absurden Situationen, was die Wut mit Lisa macht – bis sie plötzlich lachen muss und die Wut verschwunden ist. Ausdrucksstarke Bilder, die zum besseren Verständnis für ein Gefühl führen, das uns alle manchmal überkommt – und endlich mal ein Wutbuch, das ein tobendes Mädchen in den Mittelpunkt stellt!


Praxistipp
Im dialogischen Lesen können Kinder hier einiges lernen – sie erfahren, wie sie selbst auf andere wirken, wenn sie einen Wutanfall haben. Die vorliegenden Worte und Bilder regen dazu an, eigene Bilder und Vergleiche finden, um Wut zu beschreiben. Kinder, die das schaffen, haben ganz viel erreicht, denn wer ein Bild für seine Wut findet, der kann auch noch einen Schritt weitergehen und aktiv ein weiteres Bild erzeugen, mit dem sich die Wut steuern oder ganz vertreiben lässt. So trägt dieses Bilderbuch als wichtiger Ideengeber in entscheidender Weise dazu bei, sich nicht länger von den eigenen Gefühlen beherrschen zu lassen, sondern selbst das Steuer in die Hand zu nehmen.






Bo zieht aus

Bo geht anders mit seiner schlechten Laune um. Als er so einen richtig miesen Tag hat, Brokkoli inbegriffen, beschließt er kurzerhand, auszuziehen. Er schreibt dem Hund einen Abschiedsbrief, hinterlässt seiner Schwester alle seine Comics, schnappt sich Schlafsack, Taschenlampe und Zelt und zieht grimmig in den Garten. Doch er merkt schnell, dass es nicht so einfach ist, seine Familie zu verlassen. Denn einer nach dem anderen folgt seinem Beispiel, bis sich schließlich alle im viel zu kleinen Zelt zusammenquetschen und zornig vor sich hingrummeln. Aber halt – tun sie das wirklich? Oder trägt die ganze absonderliche Situation nicht schon dazu bei, dass sich das eine oder andere verstohlene Lächeln zeigt?

»Bo zieht aus« ist ein Wutbuch, dem man den Inhalt leider nicht auf den ersten Blick ansieht. Der Bo, der auf dem Cover mit Rucksack und Kuscheldecke durch den Garten läuft, guckt ausgesprochen fröhlich und steckt voller Tatendrang. Dass schlechte Laune der Grund dafür ist, zu Hause auszuziehen, steht zwar auf dem Klappentext, macht sich aber eigentlich erst beim Lesen richtig bemerkbar. Ein aufmerksamer Betrachter wird schnell merken, dass Text und Bilder nicht zwangsläufig die gleiche Geschichte erzählen, denn Bos zur Schau gestellte Coolness und seine »Ist mir doch egal«-Haltung finden sich nicht in den Illustrationen, die dafür seine Wut, aber auch seine Angst zum Ausdruck bringen. Wer genau hinguckt, findet außerdem eine weitere Wutgeschichte in den Bildern, die der Text völlig unberücksichtigt lässt, aber nachvollziehbar macht, warum kurze Zeit später auch Bos Schwester von zu Hause weg will. Ein augen-zwinkerndes Wutbuch, das zum dialogischen Lesen einlädt und bei dem schlechte Laune förmlich weggezaubert wird.



AG Bücher für Vorleser


Literatur

Stina Wirsén: Klein. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahlmann. Klett Kinderbuch 2016. Ab 4 und für alle.
Alicia Potter und Birgitta Sif (Illustration): Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen. Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther. Gerstenberg 2016. Ab 4.
Heinz Janisch und Manuela Olten (Illustration): Wenn Lisa wütend ist. Beltz&Gelberg 2015. Ab 3.
Bernd Kohlhepp und Catharina Westphal (Illustration): Bo zieht aus. Sauerländer 2016. Ab 4.



Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 04/16 lesen.
 


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