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Professionelle Nähe während des Tragens im pädagogischen Alltag
Getragen-Werden und Tragen sollte sich für alle Seiten stimmig und angemessen anfühlen. Kira Daldrop zeigt Wege für professionelle Nähe im pädagogischen Alltag – mit und ohne Tragen.
Ein gemeinsamer Tag mit Kindern, insbesondere mit den Jüngsten, ist immer auch geprägt durch nahe und intensive Interaktionen. Trösten, auf den Arm nehmen, Kuscheln, während gemeinsam Bücher angeschaut werden: Diese Situationen und unzählige kleine Momente mehr gehören zur pädagogischen Begleitung dazu. Pädagogische Arbeit ist eine Beziehungs- und Interaktionsprofession. Die Qualität der Beziehung, die pädagogische Fachkräfte mit Kindern gestalten, hat einen Einfluss auf das Wohlbefinden und ihre Entwicklung.1
Nähe oder Distanz
Beziehungsgestaltung ist ein zentraler Bestandteil pädagogischen Handelns. Der professionelle Umgang und die Auseinandersetzung sowohl mit emotionaler als auch mit körperlicher Nähe, mit Beziehungsaufbau und auch mit herausfordernden Momenten gehört untrennbar zur Arbeit pädagogischer Fachkräfte dazu. Diese Auseinandersetzung findet auf unterschiedlichen Ebenen statt, so hat z.B. das Kinderschutzkonzept jeder Einrichtung in den letzten Jahren viel dazu beigetragen, diesen Teil der Arbeit zu konkretisieren und in den Blick zu nehmen. Aber auch im Alltag, im Austausch mit Kolleg:innen, den Familien oder in den eigenen Gedanken und Entscheidungen spielt der Blick auf Beziehung, auf Worte wie ›Nähe‹ oder ›Distanz‹ und auch auf die eigentlichen Interaktionen eine Rolle: Gehört es selbstverständlich für mich dazu, ein Kind auf den Arm zu nehmen, wenn es dies signalisiert? Oder herrscht im Team eher die Ansicht, die Kinder sollten sich »daran« erst gar nicht gewöhnen, und man selbst ist angehalten, andere Wege zu finden? Wie fühlt es sich an, wenn über Tage oder vielleicht sogar Wochen ein Kind ein besonders starkes Nähebedürfnis zeigt? Wie, wenn ein Kind deutlich diese Art der Interaktion mit mir ablehnt und andere Bezugspersonen bevorzugt?
Ein wichtiger Teil der Verantwortungsübernahme ist das bewusste gemeinsame Besprechen miteinander: mit den Kindern, Familien und auch mit den Kolleg:innen. Dazu gehört es, achtsam Worte zu finden. Sprechen wir beispielsweise vom »Wahren einer professionellen Distanz« oder geht es im fachlichen Austausch darum, wie Beziehung und Nähe professionell und grenzwahrend für alle gestaltet werden kann? Auch die Kommunikation eigener Grenzen und das Worte-Finden für das, was Kinder ausdrücken, wenn sie selbst noch keine Sprache dafür gefunden haben, ist ein Teil davon. Denn schnell entstehen Be- oder Abwertungen: Dies kann passieren, wenn sich die erwachsenen Personen unsicher fühlen oder aber sie sich selbst von den Verhaltensweisen des Kindes überfordert fühlen: »Willst du schon wieder auf den Arm?« »Immer hockst du auf meinem Schoss. Setz dich doch jetzt mal neben mich.« Die Nähe zu einer Bezugsperson zu suchen hat immer einen Grund für das Kind und ist eine aus kindlicher Perspektive kompetente Strategie.
Körperkontakt und Nähe erfüllen unterschiedliche Zwecke, die wichtig sind zu berücksichtigen, insbesondere wenn es in dem Moment nicht möglich ist, das Kind auf den Arm zu nehmen oder ihm die Zuwendung zu geben, die es einfordert.
Tragen als Strategie verstehen
Schauen wir in die pädagogische Praxis, fällt auf, dass insbesondere das Tragen der Kinder sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Eine differenzierte Auseinandersetzung ist unumgänglich, denn der Alltag mit Kindern kommt nicht ohne diese Facette von Kontakt und Miteinander aus. Körperkontakt ist bedeutsam für unsere Gesundheit, sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler Ebene.2
Es entsteht das Gefühl von Sicherheit, und angenehm empfundener Körperkontakt wirkt beruhigend und positiv auf alle. Tragen als Möglichkeit des so wichtigen Körperkontakts zu verstehen ist ein erster Schritt. Dabei außerdem zu berücksichtigen, dass das Tragen mehr ist als der reine Transport des Kindes, kann den Blick öffnen für die vielen möglichen Gründe, warum Kinder getragen werden wollen oder Erwachsene das Tragen anbieten. Kinder nutzen unterschiedliche Strategien für sich, und für manche Kinder ist das Getragen-Werden ein wichtiger Teil ihrer Regulationsstrategien und ihrer Anforderungsbewältigung. Natürlich befinden sich Erwachsene auch in unterschiedlichen körperlichen Verfassungen, die Berücksichtigung erfahren müssen. Ein schlichtes »bei uns wird nicht getragen« oder »ich kann das nicht leisten« wird der gelebten Praxis allerdings nicht gerecht. An dieser Stelle muss ein fachlicher Dialog im Team ansetzen, welche Begleitung Kindern angeboten werden kann, die normalerweise das Tragen für sich als Regulationsmöglichkeit nutzen. Auch ein Abwerten oder die Beschämung des Tragens, wenn Kolleg:innen dies umsetzen, zeugt von fehlender Auseinandersetzung.
Kira Daldrop ist Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt frühe Kinder und leitet das von ihr gegründete InFanT Institut. Sie ist Autorin, Referentin und Familienberaterin. Ihre Arbeitsgebiete sind: frühe Interaktions- und Regulationsprozesse sowie Zusammenarbeit mit Familien und responsive Familienberatung.
Kontakt
1 Viernickel, S. u.a. (2018): Stimulation oder Stress? Wohlbefinden von Kindern im zweiten und dritten Lebensjahr in Kindertageseinrichtungen. IFAF.
2 Jansen, F., Streit, U. (2015): Fähig zum Körperkontakt. Springer, S. 9ff.



