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Von der Haltung zur Handlung und Gestaltung des Kita-Alltags
Kinderrechte müssen im Kita-Alltag erlebbar werden und als Kompass für pädagogisches Handeln dienen. Eine vielfaltssensible Haltung bedeutet, die eigene Perspektive zu reflektieren und die unterschiedlichen Bedürfnisse und Sichtweisen der Kinder einzubeziehen. So kann der Kita-Alltag zu einem Ort werden, an dem sich jedes Kind sicher, wertgeschätzt und zugehörig fühlt, sagt Caroline Ali-Tani.
Auch wenn es im Gegensatz zur Schule noch keine Kita-Pflicht gibt, ist der Besuch einer Kita für die meisten Kinder ein fester Bestandteil ihrer Bildungs- und Entwicklungsbiografie. Jedes Kind bringt eine Vielzahl an Persönlichkeitsmerkmalen, eine individuelle Lebenswelt und Familienkultur mit. Die Kita ist ein Ort, an dem sich alle Kinder, ihre Familien und auch die Fachkräfte in ihrer Vielfalt als Gemeinschaft wohl- und zugehörig fühlen sollen.
Kinder sollen in ihrem »Ich-Sein« gestärkt werden, Autonomie, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit erleben und erfahren, wie man das Zusammenleben in einer Gemeinschaft empathisch und solidarisch gestaltet.
Für Fachkräfte ergibt sich hieraus eine große Verantwortung, insbesondere weil sich die gesellschaftlichen Anforderungen rasant ändern. Auch wenn im Kontext von Qualität oftmals Rahmenbedingungen wie etwa ein guter Personalschlüssel im Vordergrund stehen, ist es doch vor allem die Prozessqualität, d.h. die Beziehungsgestaltung und die täglichen Interaktionen, die einen entscheidenden Einfluss auf das Selbstbild der Kinder ausüben.1
Es gibt verbindliche Vorgaben wie die UN-Kinderrechtskonvention oder die Bildungspläne der einzelnen Länder, die deutlich machen, dass jedes Kind ein gleichwertiges Subjekt ist und Bedürfnisse, Bedarfe, unterschiedliche Lebenswelten, Hintergründe und Zugehörigkeiten berücksichtigt werden müssen, um gleiche Rechte für alle zu gewährleisten.2 Auch in Kita-Konzeptionen wird ein Bild vom Kind entworfen, das diese Rechte widerspiegelt. Dennoch zeigt sich immer wieder eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis.3 Kinderrechte müssen deshalb in den konkreten Alltagssituationen für die Kinder erlebbar werden, und jede Interaktion bietet Handlungsspielräume, die entscheidend sein können.
Eine vielfaltssensible, partizipative Praxis zu gestalten und die Kita zu einem Ort zu machen, an dem sich jedes Kind angstfrei entfalten und wohl- und zugehörig fühlen kann, ist kein Projektthema und kann nicht einmalig im Rahmen einer Fortbildung erarbeitet werden. Es muss jeden Tag aufs Neue Anspruch und Grundlage sein. Dafür muss auch das eigene Denken und Handeln bewusst reflektiert und hinterfragt werden. Die zentralen Herausforderungen sind zum einen, dass jede Interaktion mit Kindern eine Machtbeziehung ist und diese Macht nicht missbraucht werden darf. Zum anderen geht es nicht um »das Kind«, sondern um jedes einzelne Kind, sodass eine gute Balance zwischen Individualität und Vielfalt der Kinder und der Gruppe als Gemeinschaft gefunden werden muss. Qualitätsentwicklung ist deshalb kein einmaliger Prozess, sondern ein stetiges Reflektieren unterschiedlicher Bedürfnisse und Interessen, die mit gleichen Rechten in Einklang gebracht werden müssen.
Der Kompass: Sind wir auf dem richtigen Kurs?
Jedes Team setzt sich aus unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammen, die jede in ihrer Eigenart pädagogische Praxis beeinflusst. Eltern und Bezugspersonen haben Erwartungen, Träger und Leitung machen Vorgaben – viele Einflüsse wirken auf jede Schlüsselsituation bewusst oder unbewusst ein, sodass diejenigen, um die es wirklich geht – die Kinder –, manchmal mit ihren Bedürfnissen aus dem Blick geraten. Wenn wir Willkür und die Abhängigkeit der Kinder von unterschiedlichen Haltungen verringern wollen, braucht es in Orientierung an den Kinderrechten ein Fundament, das nicht verhandelbar ist. Eine solche Grundhaltung kann man sich vorstellen wie einen Kompass. Ein Kompass zeigt immer in eine Richtung. Wenn man sich auf eine Reise begibt oder als Steuermann:frau auf einem Schiff für den richtigen Kurs zuständig ist, genügt es aber nicht, zu Beginn die Route gemäß dem Kompass einzustellen. Man muss immer wieder kontrollieren: Sind wir noch auf dem richtigen Kurs? In der Kita sind die Grundorientierung universelle Werte auf der Basis der Kinderrechte. Sie berücksichtigen die Erwachsenen-Kind-Beziehung machtkritisch, wertschätzen die Individualität und Vielfalt jedes Kindes und ermöglichen Zugehörigkeit. Hieraus lassen sich vier zentrale Prinzipien ableiten:
- Gleichwürdigkeit
- Gleichwertigkeit
- Gleichberechtigung
Zugehörigkeit Für die Kinder bedeuten diese zentralen Ziele:
- Du sollst dich hier sicher und wohlfühlen!
- Du bist richtig, so wie du bist!
- Du bist wichtig!
- Du gehörst dazu – du bist ein wichtiger Teil der Gemeinschaft!
Jede Handlung muss sich vor diesem Hintergrund an der Frage messen lassen: Werden wir jedem Kind gerecht? Und wird die Gestaltung des Kita-Alltags der Vielfalt der Kinder gerecht?
Von der Haltung zur Handlung und Gestaltung
Jeder Tag sollte mit diesen Botschaften als »Aufgabenliste« beginnen. In jeder Situation sollte aufmerksam reflektiert werden, welche Signale dem Kind gerade gesendet werden und welche Rückmeldungen es auf sein Selbstbild erhält. Für diese Beziehungsgestaltung gibt es kein Rezept. Denn nicht nur das »Wohlfühlen« bedeutet für jedes Kind etwas Unterschiedliches, sondern auch jede Fachkraft hat eine subjektive Vorstellung davon, wann und wie sich ein Kind wohl- und sicher fühlt. Austausch im Team und der Einbezug der Kindperspektive sind deshalb notwendige Bestandteile von Qualitätsentwicklung.
Auch in die Gestaltung jeder Alltagssituation fließen subjektive Perspektiven, Normalitätsvorstellungen, Vorlieben und Gewohnheiten ein. Wie die zentralen Prinzipien in konkreten Schlüsselsituationen wie Essen, Schlafen oder Ritualen umgesetzt werden, beginnt deshalb zunächst damit, sich der eigenen »Brille« bewusst zu werden.
Aber wie kann das konkret aussehen? Wie kann ich die zentralen Botschaften an jedes Kind in Alltagssituationen überprüfen?
Caroline Ali-Tani M.A. arbeitet als Erziehungswissenschafterin, Fortbildnerin, Dozentin und Prozessbegleiterin, insbesondere zu den Themen Inklusion, Vielfalt, Partizipation und Kinderrechte in Kindertagesstätten, vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung und Wahrnehmung von Vielfalt in der frühpädagogischen Praxis.
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1 Vgl. Anders, Y. (2013): Stichwort: Auswirkungen frühkindlicher institutioneller Betreuung und Bildung. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 16, S. 237–275.
2 Vgl. Jerg, J. (2020): Zwischen Anspruch und Wirklichkeit einer inklusionsorientierten Kita. In: Müller et al. (Hrsg.): Professionalität in der Kindheitspädagogik. Opladen, S. 69–83.
3 Vgl. Fröhlich-Gildhoff, K. et al. (2011): Kompetenzorientierung in der Qualifizierung frühpädagogischer Fachkräfte. DJI, München.



