Betrifft Kinder

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size

Wie Biografiearbeit pädagogisches Handeln verändert 

Warum gelingt es einem Vater partout nicht, Grenzen zu setzen? Weshalb besteht eine Kollegin darauf, dass alle Kinder gleichzeitig mit dem Essen beginnen? – Anja Cantzler zeigt auf, dass ein reflektierender Blick auf die eigene Biografie oder die der anderen Beteiligten oft zu besserem Verständnis beiträgt. 


Kinder, Eltern, ErzieherInnen: In jeder Kita kommen Menschen mit unterschiedlichen Biografien zusammen und meist kommen alle gut miteinander klar. Kommt es dennoch einmal zu Unstimmigkeiten, kann der Blick in die Lebensgeschichte hilfreich sein. Lebenserfahrungen beeinflussen unser Denken und Handeln und nicht immer sind wir uns dieser Prägungen bewusst; der Prägungen der anderen wie auch unserer eigenen.

Das Beispiel im Kasten zeigt, wie eine Erzieherin die Lebensgeschichte eines Vaters reflektiert und dessen Handlungen besser verstehen lernt. Der Perspektivenwechsel schafft die Voraussetzung, dem Vater offen begegnen und dessen Umgang mit seinem Sohn empathischer begleiten zu können. 



Lebensmuster erkennen

Die Auseinandersetzung mit den Lebensgeschichten anderer ist ein wesentlicher Bestandteil von Biografiearbeit. Sie eröffnet der pädagogischen Fachkraft ein Lernfeld, in welchem sie eigene Einstellungen und Haltungen mit denen anderer vergleicht und aufeinander abstimmt. Ursprünge und Wurzeln verschiedener Denk- und Handlungsweisen bezieht sie dabei ebenso mit ein, wie die Unterschiedlichkeit der Lebenswege und individuellen Erfahrungen. Dies öffnet ihr die Chance auf einen Perspektivenwechsel, eine andere Sichtweise auf Situationen und Personen. 

Biografiearbeit 

  • hilft Unterschiede zu erkennen, 
  • deckt eigene Bewertungsmuster auf,
  • ermöglicht es, neue Informationen zu gewinnen, 
  • reflektiert die eigenen Denk- und Handlungsweisen und 
  • hilft, das eigene pädagogische Handeln sinnvoll und der Ausgangssituation angemessen zu ändern.


Neben der Auseinandersetzung mit den Lebensgeschichten der Kinder, Eltern und auch denen der KollegInnen, beinhaltet Biografiearbeit somit auch die Selbstreflexion anhand der eigenen Biografie. Dafür rückt die pädagogische Fachkraft sich selbst mit all ihren individuellen Empfindungen und Interpretationen in den Blickpunkt. Aus der Beobachtung und Reflexion aktuellen beruflichen Handelns im Zusammenhang mit ihrer eigenen Vergangenheit entwickelt sie neue Lösungswege für zukünftiges Handeln.

Wir wissen inzwischen, dass die Umsetzung theoretischer Erkenntnisse in die pädagogische Praxis nur dann gelingt, wenn das neue Wissen für die einzelne Fachkraft als praxisnah, stimmig und anschlussfähig an das Bestehende und Bekannte erlebt wird. Deshalb gewinnt Biografiearbeit in der pädagogischen Zusammenarbeit mit Kindern und Eltern oder auch im Rahmen von Teamentwicklung seit Jahren an Bedeutung. Aus der Aus- und Weiterbildung der pädagogischen Fachkräfte sind biografieorientierte Lernprozesse nicht mehr wegzudenken.



Eine Biografie, viele Aspekte

Jede Biografie besteht aus verschiedenen Teilbiografien1, die von pädagogischen Fachkräften oder Mitgliedern eines Teams aus verschiedenen Blickwinkeln heraus betrachtet und reflektiert werden können. Im Folgenden stelle ich Ihnen einige solcher Teilbiografien mit beispielhaften Anregungen für die Reflexion vor.

Bei der sozialen Biografie liegt der Fokus auf den Lebensverhältnissen der einzelnen Personen. Daraus ergeben sich Fragen, wie z.B.: 

  • Welchen sozialen Hintergrund habe ich selbst? Welchen haben die Kinder, die Eltern, meine KollegInnen? 
  • Wie ist meine innere Einstellung zu den Lebensbedingungen der Kinder und ihrer Familien in unserer Kita? Gibt es Parallelen und Unterschiede zu meinen eigenen vergangenen oder aktuellen Lebensbedingungen? 
  • Welches Familienmodell habe ich selbst erlebt? 
  • Welchen Familienmodellen begegne ich in meinem pädagogischen Umfeld? 
  • Welches Ideal von Familie prägt meine Vorstellung? 
  • Inwieweit beeinflusst dieses Ideal mein Denken und Handeln im Umgang mit den Kindern und Eltern?


Um Lebensverhältnisse und Familienmodelle näher zu betrachten, lege ich zu Beginn der Biografiearbeit Karten2 in die Mitte des Raumes, auf denen unterschiedliche Familien und Familienkonstellationen abgebildet sind. Jede pädagogische Fachkraft wählt eine Bildkarte aus, die der eigenen früheren Familienkonstellation am nächsten kommt. Die Karten sind ein guter Aufhänger, um das Team mit den eigenen Hintergründen und Prägungen vertraut zu machen. Dieser Austausch hilft jedem und jeder TeamkollegIn zu verstehen, warum KollegInnen aufgrund ihrer anderen Lebensumstände anders denken und handeln als man selbst. Gleichzeitig unterstützt der Austausch die TeamkollegInnen dabei, eine annehmende Haltung auch bezüglich der verschiedenen Betreuungshintergründe und Lebensumstände von Kindern und deren Familien zu entwickeln. 

 

Beispiel aus der Praxis

Bei einer Weiterbildung zum Thema »Wut, Trotz und Aggressionen im Kleinkindalter« beschreibt eine Erzieherin ein zweieinhalbjähriges Kind, das sich gegenwärtig seinen Eltern gegenüber in einer sehr ausgeprägten »Trotzphase« zeigt. Sie beklagt, dass sich der Vater trotz mehrmaliger Beratungsgespräche ausdrücklich weigert, dem Kind Grenzen zu setzen. Für diese offensichtliche Verweigerung empfindet sie starkes Unverständnis.

Gezieltes Nachfragen bei der Erzieherin nach den Lebensumständen dieser Familie enthüllt die militärisch geprägte Vergangenheit des Vaters. Als Sohn eines britischen Generals besuchte er eine militärisch ausgerichtete Schule und wurde später selbst Soldat. Bevor er an der strengen Disziplin innerlich ganz zerbricht, quittiert er den Militärdienst entgegen den Wünschen seiner Herkunftsfamilie.

Grenzen setzen bedeutet für ihn Bestrafung und Bevormundung, die er seinem eigenen Sohn ersparen möchte. Im Wissen um dieses prägende Detail aus der Lebensgeschichte des Vaters erlangt die Erzieherin eine neue Sichtweise. Sie beginnt, seine sehr nachgiebige Haltung zu verstehen und beschließt, ihre neue Sichtweise im nächsten Elterngespräch einzubringen. Die Chancen stehen jetzt gut, gemeinsam mit dem Vater zu überlegen, wie er seinem Kind durch klares Handeln Sicherheit und Orientierung geben kann, ohne das Gefühl, er greife auf Verhaltensweisen zurück, die er selbst negativ und einengend erlebte.



1    Vgl. Klingenberger, H. (2003): Lebensmutig. München, S. 106ff.
2    Die Karten sind aus: Das Familienspiel, www.betrifftkindershop.de

 


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 10/16 lesen.
 


  Zurück zur Übersicht  



Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok