Betrifft Kinder

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Frühkindliche Bildung in Australien, Teil 1

Der Blick nach Down Under ist für die Diskussion im Feld der frühkindlichen Bildung besonders lohnenswert, da in Australien in den letzten Jahren vielfältige Maßnahmen entwickelt worden sind, um die Qualität frühkindlicher Bildung und Betreuung zu erhöhen. Diese liefern auch spannende Impulse für die deutsche Frühpädagogik. In einer zweiteiligen Reihe stellen wir die Konzepte der australischen Frühpädagogik vor. Beginnen werden wir mit dem nationalen Bildungsprogramm und seinen Konsequenzen für die Beobachtung und Dokumentation kindlicher Entwicklungsprozesse.


Australien zeigt durch eine nachhaltig verankerte frühpädagogische Qualitätsentwicklung auf, was im Rahmen bildungspolitischer Entscheidungen möglich und in der Praxis umsetzbar ist. Im Hinblick auf die Weiterentwicklung der frühpädagogischen Qualität in deutschen Kindertageseinrichtungen ist es lohnenswert, den australischen Prozess der Qualitätsentwicklung genauer zu beschreiben, um darzustellen, welche umfassenden Maßnahmen und Konsequenzen die australischen Qualitätsstandards für die pädagogische Arbeit mit Kindern und ihren Familien nach sich zieht. Hierbei werden die australischen Konzepte und Rahmenbedingungen frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung mit Blick auf den innovativen Gehalt für die Gestaltung frühkindlicher Bildung in Deutschland beleuchtet. Damit soll der Blick für neue Wege in der qualitativen Weiterentwicklung von Tageseinrichtungen für Kinder geöffnet werden.





Betonen möchten wir, dass bildungspolitische Konzepte wie diese, die wir hier vorstellen werden, nicht ohne Weiteres in andere Länder übertragen werden können. Denn sie stehen immer auch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen und kulturellen Standards im jeweiligen Land. Dennoch kann ein solcher Blick über den Tellerrand aufzeigen, dass Konzepte keine theoretische Utopie bleiben müssen, sondern unter bestimmten bildungspolitischen Rahmenbedingungen durchaus umsetzbar sind.

Der Kindertagesstätte »Blackfriars« in Sydney wurde mithilfe der dortigen externen Evaluation nachgewiesen, dass sie die neuen australischen Frühbildungsstandards besonders gut umsetzt. Deswegen haben wir uns vor Ort in dieser Einrichtung angesehen, wie sich der neue Ansatz im Alltag verwirklichen lässt.


Drei Säulen der frühpädagogischen Qualitätsentwicklung

In Australien umfasst der Prozess der Qualitätsentwicklung drei Säulen, die wir in unserer Reihe vorstellen werden:

  • Säule 1, der nationale Bildungsplan für die frühpädagogische Arbeit und seine Auswirkungen auf die Dokumentation kindlicher Entwicklungsprozesse wird im Folgenden erläutert.
  • Säule 2, die nationale Qualitätsinitiative und der damit einhergehende Qualitätsentwicklungsprozess, und
  • Säule 3, der nationale Ethikcode für die frühpädagogische Arbeit, der die professionelle Haltung in der Zusammenarbeit mit allen Beteiligten festschreibt, werden in Teil 2 dieser Reihe in der nächsten Ausgabe vorgestellt.


Die erste zentrale Säule der australischen Kindheitspädagogik stellt das seit 2009 national verbindliche Curriculum für Kindertageseinrichtungen »Belonging, Being and Becoming – The Early Years Learning Framework for Australia« (Zugehörigkeit, Sein und Werden – Der Rahmenplan für frühes Lernen in Australien)1 dar. So existiert in Australien im Gegensatz zu Deutschland ein verbindlicher Rahmenplan für alle australischen Kitas, obwohl die frühkindliche Bildung auch dort der Länderhoheit unterliegt. Der Schwerpunkt des Curriculums liegt im »Lernen durch Spiel«. Gleichzeitig betont es die Wichtigkeit von frühen sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten (early literacy und numeracy) und den hohen Stellenwert der sozial-emotionalen Entwicklung. Die Betonung schulischer Vorläuferfähigkeiten und eine alltagsintegrierte ganzheitliche pädagogische Herangehensweise stellen im australischen Curriculum also keinen Gegensatz dar.

Besonders unterstrichen wird auch die Zusammenarbeit zwischen pädagogischen Fachkräften und Familien. Der Begriff Familie schließt neben den Eltern weitere Bezugspersonen von Kindern (wie Geschwister, Großeltern, etc.) ein. Diese Personen werden als die ersten und einflussreichsten PädagogInnen im kindlichen Entwicklungsprozess gesehen (children’s first and most influential educators2). Die Grundperspektive des australischen Curriculums ist durch die Reggio-Pädagogik3 inspiriert und somit durch die Kindperspektive geprägt: Frühkindliche Bildung wird durch die Augen der Kinder betrachtet und durch ihre Mitsprache gestaltet. Durch die Trias Zugehörigkeit, Sein und Werden stehen gerade nicht die klassischen deutschen Entwicklungs- und Bildungsbereiche (wie Sprachentwicklung, frühe musikalische Bildung, etc.) im Fokus der frühpädagogischen Arbeit, sondern die Aspekte wie Wohlbefinden und Teilhabe sowie »Kind sein dürfen«. Im Folgenden werden die drei Grundprinzipien des australischen Curriculums vorgestellt.



Die Autorinnen

Andrea Tures (née Sens), Dr., arbeitete von 2006 bis 2012 als wissenschaftliche Referentin in unterschiedlichen Praxisentwicklungsprojekten in der Abteilung Kinder und Kindertagesbetreuung am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Seit 2015 lehrt und forscht sie als akademische Rätin an der Justus Liebig Universität Gießen und ist dort stellvertretende Studiengangsleitung im Masterstudiengang »inklusive Pädagogik und Elementarbildung«. Seit ihrem Forschungsaufenthalt in Australien 2004 publiziert sie über die australische Frühpädagogik.

Olivia Mosel M.A., arbeitete als pädagogische Fachkraft von 2010 bis 2014 in unterschiedlichen Kindertageseinrichtungen in Sydney, Australien. Seit 2014 ist sie als pädagogische Fachkraft und stellvertretende Leitung in einem bilingualen Kindergarten in München tätig. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich kindliche Ernährung und Gesundheit und dem Transfer australischer Ansätze in die deutsche Kita.




1 EYLF 2009; Commonwealth of Australia (2009). Being, Becoming and Belonging. The Early Years Learning Framework for Australia. Canberra. (hier zitiert als EYLF 2009)
2 EYLF 2009, S. 5
3 vgl. Lingenauber, Sabine (2011). Handlexikon der Reggio-Pädagogik. Bochum: projekt verlag



Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 01-02/16 lesen.



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