Betrifft Kinder

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Bei der diesjährigen Verleihung des Deutschen Schulpreises in Berlin erzählte Christoph Bosch der versammelten Bildungsprominenz, Angela Merkel inklusive, dass sich sein Großvater, der Firmengründer und Stifter Robert Bosch, in der Schule vor allem gelangweilt habe, so wie er selbst übrigens auch. »Da werden immer noch Bleigewichte an die Füße gehängt.« Deshalb, so der Bosch Erbe: »Freiheit für die Schulen!«


Angela Merkel erinnerte sich an ihre Schulzeit als anstrengend, »außer in Russisch und Mathematik«. Ganz anders die Kinder der sieben ausgezeichneten Schulen, die in Interviews ohne Pathos von ihrer Lernfreude sprachen. Ihre Klarheit und Klugheit gaben der Feier Glanz. Nichts beglaubigte die Entscheidung der Jury mehr als diese schönen und intelligenten Stimmen. Als dann die Veranstaltung dem Ende zu ging und die sieben Schulen auch als lernende Organisationen gefeiert worden waren, überraschte Moderatorin Sandra Maischberger die Kanzlerin mit der Frage, was sie denn heute gelernt hätte.  Die war ganz verdutzt und stotterte. »Ich – heute – gelernt?«

So langweilig und anstrengend noch zu viele Schulen sind, so langweilig und ideenlos ist die übliche Politik, besonders die Bildungspolitik. Man erwartet von der Politik  allerdings auch kein Unterhaltungsprogramm, sondern Ideen und Taten.

Was Ideen und Taten als Metier des Politischen betrifft, so drängt sich mehr und mehr eine Unterscheidung zwischen der Politiker-Politik und einer anderen Art von Politik auf, die ich am liebsten so schreiben würde: »Polytik«. Eine Praxis der Vielen, die Vielfalt schafft. Der Schulpreis und die seit vier Jahren mit ihm ausgezeichneten 24 Schulen sind dafür ein Beispiel.

Der Unterschied zwischen der Politiker-Politik, und einer zivilgesellschaftlichen »Polytik« wurde selten so deutlich wie an den beiden Tagen im Frühsommer, als am Mittwoch, dem 9. Juni, der Deutsche Schulpreis verliehen wurde und am Tag darauf die dritte Besteigung des Bildungsgipfels der Kanzlerin mit den 16 Ministerpräsidenten zum Absturz führte.

Bereits vor zwei Jahren hatte Angela Merkel nach Dresden zum Bildungsgipfel gerufen. Auf dem Banner stand: Die Bundesrepublik auf dem Weg zur Bildungsrepublik. Zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts sollten bis zum Jahr 2013 in Bildung und Forschung gehen, gegenüber 8,5 Prozent bisher. Aber das Ziel blieb so allgemein wie das Wort »Bildungsrepublik«.

Die Verabredung, wie viel der Bund und die Länder zusätzlich zahlen, wurde vertagt und wurde noch einmal vertagt und wurde am 10. Juni 2010 nun zum dritten Mal vertagt. Keiner glaubt, dass es noch einen vierten Gipfel geben wird. Das Zehn-Prozent-Ziel ist inzwischen zum bloßen Propaganda-Slogan geworden. Wofür das Geld gebraucht wird und wie viel für die verschiedenen Vorhaben jeweils nötig ist, wird gar nicht mehr diskutiert. So liegt beispielsweise der Ausbau von Kinderkrippen, der beim ersten Gipfel 2008 auf 35 Prozent an Plätzen für die Kinder eines Jahrgangs bis zum Jahr 2013 festgelegt wurde, erst bei 20 Prozent der Plätze. Völlig unklar ist, woher für die noch fehlenden 320.000 Plätze das Personal kommen soll, denn der entsprechende Ausbau der Ausbildungskapazitäten unterbleibt. Unklar ist auch wie die Halbierung jener acht Prozent Jugendlicher, die die Schulen ohne jeden Abschluss verlassen, möglich werden soll.

Gibt es einen Plan? Wenigstens eine Strategie? Nein. Das Was und das Wie sind so unklar, weil schon die Frage nach dem Wer nicht beantwortet werden kann. Denn diese Aufgaben müssten ja die Länder erfüllen – und die Kommunen. Letztere wurden bisher aber kaum an Entscheidungen beteiligt. Während die Bundesregierung die Parole »An der Bildung sparen wir nicht« zu ihrem Markenzeichen machen möchte, wird in den Ländern und Kommunen bei der Bildung, der Kultur und dem Sozialem (Krippe fungiert zumeist noch unter Sozialem, nicht unter Bildung) gekürzt. Überwiegend nicht aus Ignoranz, sondern aus Not.

»Die Zuständigkeit der Länder für Bildung, ein System, das angeblich Vielfalt ermöglichen soll, führt tatsächlich, zu Handlungsstarre und  Verwahrlosung, ja zu Einfalt.«

Der gleiche Bund, der seine selbstgefällige »An der Bildung sparen wir nicht« - Parole ausgibt, bringt die Länder und Gemeinden in Finanznot. Wieder mal erweist sich der Bildungsföderalismus als organisierte Verantwortungslosigkeit. Die Zuständigkeit der Länder für Bildung, ein System, das angeblich Vielfalt ermöglichen soll, führt tatsächlich, zu Handlungsstarre und  Verwahrlosung, ja zu Einfalt. Der Ort für Vielfalt wären doch die Kommunen, also die Städte und Gemeinden, und was die Schulen betrifft, vor allem diese selbst. Die Kommunen und die Schulen wären also zu stärken. Bund und Länder müssten zurück treten.

Gehen wir vom Tag des Abstiegs vom Bildungsgipfel einen Tag zurück. Da wurde der Deutsche Schulpreis verliehen. An diesem Tag wurde etwas gefeiert und bekam etwas Gestalt, was in vielen Schulen tagtäglich und oft nur verborgen geschieht: Der allmähliche Umbau unserer Schulen von belehrenden Anstalten zu Orten, an denen Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrer zum Lernen herausgefordert und an denen ihnen viele Anregungen geboten werden.

Ein Preisträger ist die Waldhofschule in Templin, der Heimatstadt von Angela Merkel übrigens. Die Waldhofschule war noch vor ein paar Jahren eine Sonderschule für geistig Behinderte. Dann hat sie sich auch für nicht behinderte Kinder geöffnet. Die Schule ist beliebt und erfolgreich. Geht das denn? Ja, und wie! Die Schule zeigt, wie nun auch Kinder, die bisher aus der Sonderschule nicht mehr heraus kamen, Leistungen erreichen, für die sie einen Hauptschulabschluss erhalten.

Oder das Firstwald Gymnasium in Baden-Württemberg. Sie ist wie die Templiner Schule in evangelischer Trägerschaft. Das Gymnasium erweiterte sich um eine Grundschule, deren Pädagogik die höhere Schule nun inspiriert und voranbringt.
Eine staatliche Realschule in Bayern, die Schule am Europakanal in Erlangen, bringt körperliche Bewegung in den Alltag. Zusammen mit Neurobiologen und Psychologen des ZNL in Ulm untersucht sie, wie Bewegung den Leistungen und der Freude am Lernen bekommt.

Jede dieser Schulen hat ihre Geschichte, genauer: Sie ist eine Geschichte. Und Geschichten muss man erzählen. Ausführlich. – Das soll auf der Internetseite des Netzwerks Archiv der Zukunft www. adz-netzwerk.de forciert werden, dazu rufen wir auch die Leserinnen und Leser von »Betrifft KINDER« und die Mitglieder und Freunde des Netzwerks auf und beginnen mit der Geschichte der Schule, die den Hauptpreis erhielt, der Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch, nachzulesen unter: www.adz-netzwerk.de (Ein Gasthaus des Lernens). Aber erst mal weiter mit den sechs anderen Preisträgern.

Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Oberstufenkolleg in Bielefeld. Es führt schon seit den siebziger Jahren Jugendliche auf ihrem zweiten oder zuweilen dritten Bildungsweg zum Abitur und zur Hochschule. Eine Schule, die jungen Erwachsenen nicht nur Zertifikate verschafft, sondern sie auf Umwegen ihr »Ding« entdecken lässt. Das ist Bildung.

Die Grundschule Süd in Landau beginnt von Anfang an so, dass Kinder ihre Neugierde behalten oder sie wieder gewinnen. Studien zeigen ja, dass Kinder bereits in der zweiten Klasse der Grundschule mit einem scharfen Einschnitt von Neugierde und Lernfreude reagieren. Wie gelingt es der Landauer Schule auch bei Kindern aus sozialen Brennpunkten ihre verschüttete Lust am Neuen wieder frei zu legen? Indem die Kinder an möglichst vielen Entscheidungen beteiligt werden.

Ähnliches und noch mehr leistet die Schule am Park in Behrenhoff in der Nähe von Greifswald. Dort werden Kinder, die von anderen Schulen häufig schon aufgegeben worden waren, zu Abschlüssen gebracht. Das ist häufig wie ein Wunder. Und weil manch einer argwöhnte, bei diesen Erfolge könne wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, lässt die Schule die Abschlüsse seit ein paar Jahren extern abnehmen. Kein Schüler ist in den vergangenen Jahren durchgefallen.

Und dann der Hauptpreisträger: Die Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch in den Kalkalpen. »Sie hat bei unserem Peter ein Wunder vollbracht«, sagte Dagmar Loesing, Peters Mutter, in Berlin, nachdem diese Schule aus der Hand von Angela Merkel, den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis erhalten hatte.



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www.adz-netzwerk.de
Treffpunkt für die Intelligenz der pädagogischen Praxis

www.deutscher-schulpreis.de
Infos zum aktuellen Wettbewerb und seinen Preisträgern


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 06-07/10 lesen.





 


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