Betrifft Kinder

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oder Fotos ohne Ende...

Mit dem Fotoapparat lassen sich viele Situationen im Krippenalltag einfangen: Schnell ein Bild machen, weil die Kinder gerade so niedlich... Doch solche Fotos sind – bezogen auf die Entwicklung der Kinder und deren Lern- und Bildungsweise – nicht immer aussagekräftig.


Corinna Westphal fühlte sich von Stefan Brées Beitrag »Schuh und Meter – Lerngeschichten als Bildungsroman« in »Betrifft KINDER«, Heft 5/06, veranlasst, etliche ihrer Fotos der Sparte »Erinnerung« zuzuordnen, denn: Für eine pädagogisch wertvolle Dokumentation boten sie zu wenig Information.

Aber Stefan Brée gab ihr ebenso viele inspirierende Gedanken mit auf den Dokumentationsweg wie Kornelia Schneider, die sich im Rahmen des Medienprojekts der Bertelsmann Stiftung »Wach, neugierig, klug – Kinder unter 3« mit Lernaspekten bei Kleinkindern, deren Beobachtung und Dokumentation1 beschäftigte. Auch die Kollegen von der GEW und ihr Buch »Bildung sichtbar machen«2 regten die Autorin an.

Vor dem Hintergrund all dieser Informationen denkt Corinna Westphal über die Bedeutung von Dokumentation in der Krippe nach und liefert Beispiele aus ihrem Arbeitsalltag.


Dokumentation ist ein brauchbares Instrument, um die Bedeutung der Arbeit in der Krippe zu erfassen, sie nach außen transparent zu machen und den Eltern neben dem Smalltalk zwischen Tür und Angel und in Entwicklungsgesprächen einen tieferen Einblick in unseren Krippen-Bildungsalltag zu ermöglichen. Was haben wir dokumentiert?


Zugreifen

In einem großen Pappkarton haben wir verschiedene Verpackungsmaterialien gesammelt: Joghurtbecher in unterschiedlichen Formen und Größen, Rollen, Büchsen, Dosen und Deckel, leere Shampooflaschen, Eierschachteln, Margarinebecher. Den Karton stellen wir den Kindern hin, und dann – den Fotoapparat griffbereit – beobachten wir:
Ein acht Monate alter Junge robbt auf einen roten Deckel zu und steckt ihn in den Mund. Woran erkennen wir Selbstbildung und Entwicklungsschritte des Jungen? Zum Beispiel...

  • Objektwahrnehmung: Gezielt robbt der Junge auf einen Deckel mit der Farbe Rot zu und greift ihn aus einem Berg anderer Gegenstände heraus;
  • Sinneserfahrung: Der Junge steckt den Deckel in den Mund – Merke: Der Mund als »Tor zur Welt« – und macht bekannte und neue Sinneserfahrungen. Bekannte Eindrücke werden mit neuen kombiniert. Möglicherweise entstehen neue Verknüpfungen im Gehirn des Jungen;
  • Feinmotorik: Durch zahlreiche vorangegangene Greifversuche nach verschiedensten Dingen ist die Hand- und Fingermuskulatur des Jungen so geübt, dass er gezielt zugreifen und wieder loslassen kann.
  • Klein und groß


Ein Mädchen, ein Jahr und acht Monate alt, sammelt gleich große Joghurtbecher ein, steckt sie in eine Dose und holt sie wieder heraus.
Woran erkennen wir Selbstbildung und Entwicklungsschritte des Mädchens? Zum Beispiel...

  • Wahrnehmung von Größenunterschieden: Das Mädchen unterscheidet große und kleine Joghurtbecher;
  • Mengenbildung: Das Mädchen sucht Joghurtbecher einer Größe aus der Menge verschiedener anderer Gegenstände heraus;
  • Feinmotorik: Gezielt steckt das Mädchen einen Joghurtbecher in eine offene Dose;
  • Wahrnehmung von Volumen: Durch Versuch und Irrtum lernt das Mädchen, dass die Öffnung der Dose das Volumen des Joghurtbechers erfasst, nicht umgekehrt;
  • Auseinandersetzung mit der Objektpermanenz: Das Mädchen lässt den Joghurtbecher in der Dose verschwinden und kann ihn jederzeit wieder zum Vorschein bringen.



Der Karton

Andere Kinder finden den großen Karton viel interessanter als seinen Inhalt und klettern hinein.
Woran erkennen wir Selbstbildung und Entwicklungsschritte der Kinder? Zum Beispiel...

  • Raumwahrnehmung: Die Kinder erfahren ihre Körper in einem anderen Raum;
  • Raum-Lage-Verhältnis: Die Kinder setzen sich mit »oben«, »unten«, »innen« und »außen« auseinander;
  • Überwindung von Grenzen oder Begrenzungen: Die Kinder klettern in den Karton und wieder heraus.



Wachstum

Ein anderthalbjähriger Junge greift nach einer stabilen, etwa 40 Zentimeter großen Rolle und stellt sie aufrecht hin. Er sucht eine neue Rolle und will sie draufstellen.
Woran erkennen wir Selbstbildung und Entwicklungsschritte des Jungen?
Zum Beispiel...

  • Erfahrung mit Statik: Beim Turmbau mit anderen Dingen hat der Junge bereits gelernt, dass man sie aufeinander setzen kann. Er nutzt seine Erfahrungen, um eine Rolle auf die andere zu stellen;
  • Höhen- und Längenverhältnisse: Zwei aufeinander gestellte Rollen sind höher und länger als eine. Der Junge begibt sich auf den Weg des Messens und Vergleichens;
  • Wachstum: Vielleicht nimmt der Junge das eigene Größer-Werden im Vergleich mit dem »Wachstum« der Rollen wahr;
  • selbst gestellte Herausforderung: Eine stehende Rolle ist für den Jungen nicht hoch genug. Eine zweite muss auf die erste gebaut werden.

 

1 Schneider, K.: Und was hast du heute gemacht? Fragen zur Bildung im Krippenalter. Beitrag im Medienprojekt für Kitas, Tagespflege und Spielgruppen der Bertelsmann Stiftung: Wach, neugierig, klug – Kinder unter 3.
2 Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Hrsg.): Bildung sichtbar machen. Von der Dokumentation zum Bildungsbuch. verlag das netz, Weimar/Berlin, 2006

Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 06-07/06 lesen.

 

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