Betrifft Kinder

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Ein Gespräch über Bullshit, Skrupel-Skeptiker, Pseudo-Dogmatiker und die Wahrheit

Ist eine Frage fürs Erste beantwortet, ein Thema behandelt, eine Recherche beendet, wird das »Betrifft KINDER«-Mikrofon ausgestellt. Das war fast immer ein Fehler, denn die Beteiligten – erschöpft, aber erleichtert – kommen später vom Hölzchen zum Stöckchen...
Diesmal blieb das Mikrofon an. Lesen Sie, was Frauke Hildebrandt, ponte-Projektleiterin, über »Philosophieren mit Kindern« zu sagen hatte.


... mit Kinder philosophieren kann man doch nur, wenn man selbst Interesse an philosophischen Fragen hat.
Frauke Hildebrandt: Philosophieren mit Kindern hat immer den Touch eines Spielchens: Man setzt sich kurz hin und behandelt neben allen Groß-Problemen, die gegenwärtig anstehen, den tieferen Sinn als Neben-Schauplatz. Angesichts der Ökonomisierung der Geisteswissenschaften scheint Philosophie momentan ausrangiert worden zu sein. In der Pädagogik ist das Thema überhaupt nicht im Gespräch. Dabei müsste es im Mittelpunkt stehen. Meine These ist, dass nicht das x-te Fachinput-Seminar fehlt, in dem es um Spezialmethodiken für Pädagogen geht, sondern...

... es geht um Sinn.

Frauke Hildebrandt: Ja, denn den Pädagogen in Deutschland gebricht es nicht an Fachwissen. Aber es fehlt so etwas wie pädagogisches Geschick. Mir fallen da immer zwei Grundbegriffe ein: Haltung und Reflexion. Darum geht es auch im ponte-Projekt.

Ich glaube, dass Philosophie – Philosophieren als Praxis – einen Zugang zu diesen beiden Dimensionen ermöglichen kann, dass man sich ihnen mit der Technik des Philosophierens annähern und dabei eine bestimmte Grundhaltung entwickeln kann, die es braucht, um den Umgang mit Kindern sinnvoll zu gestalten. Ein wichtiger Bestandteil dieser Haltung ist die Reflexivität. Beim Philosophieren kann man sie gut üben. Das kann auch für Erwachsene sehr spannend sein. Für Kinder sowieso.

Mit Kindern philosophieren, den Dingen auf den Grund gehen, gucken, was die Welt im Innersten zusammenhält – das klingt nach hohem Anspruch und schreckt vielleicht manche Erwachsene ab.
Kinder sind auf diesem Weg. Wenn sie sich die Welt aneignen, müssen sie fragen und tun es auch. Aber wie ist das mit den Pädagoginnen? Die werden ständig mit Neuem konfrontiert, ständig werden Anforderungen an sie gerichtet. Wenn sie kein System haben, mit dem sie sich die Welt erklären, haben sie kein Raster, um angesichts der Anforderungen Spreu vom Weizen zu trennen.

Frauke Hildebrandt: Damit meinst du, dass man sich bestimmte Weltanschauungen und Positionen aneignet. Das ist ja schon fast zu viel. Wenn man Philosophieren ein bisschen kleinteiliger begreift, dann geht es um bestimmte Tätigkeiten, die sich auf bestimmte Objektbereiche beziehen. Zum Beispiel die Fähigkeit, eine Sache wahrzunehmen, sie zu analysieren und Was-wäre-wenn-Szenarien zu bilden, zu imaginieren. Also zu sortieren, was einem begegnet ist, nachdem man es wahrgenommen hat, und sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es anders wäre. Diese drei Fähigkeiten werden gebraucht. Man kann sie auf die Welt beziehen, auf sich selbst und auf andere Menschen natürlich auch. Aus meiner Sicht sind das die entscheidenden Fähigkeiten überhaupt: Beobachten, Analysieren oder Interpretieren. Und Imaginieren. Man kann sie üben. Sie sind keine Talente, die man hat oder nicht.

Natürlich fragt sich der eine Mensch mehr und der andere weniger, aber du musst – wie bei allem – Anregung haben und trainieren. Der Philosoph Ekkehard Martens sagt: Das sind elementare Kulturtechniken, die wir nicht lernen, für die es keinen Raum und keine Zeit gibt. Wir trainieren sie immer nur beiläufig – in verschiedenen Fächern in der Schule beispielweise oder bei allen möglichen Aktivitäten in der Kita. Ein wirkliches Forum, das hilft, sie gezielt auszubilden, fehlt.

Natürlich kann man sagen, die Schule müsste schon an sich ein philosophischer Raum sein, wenn man Philosophieren als diesen Dreischritt versteht. Genau so kann man auch sagen, dass jede Schulstunde eine Deutschstunde ist, denn es wird immer deutsch gesprochen. Martens plädiert aber dafür, dass es eine Stunde gibt, in der diese Wahrnehm-, Analysier- und Imaginierfähigkeiten trainiert werden.

Dafür gäbe es genügend Ansätze.
Frauke Hildebrandt: Ja. Kennst du das Buch »Bullshit« von Harry G. Frankfurt? Der Autor greift genau das an, womit wir hierzulande ständig zu kämpfen haben: Dieses Blasengerede, Gemache und Getue, bei dem es auf Wahrnehmen, Analysieren, Interpretieren und Imaginieren überhaupt nicht ankommt. Das Bemühen um die Erkenntnis dessen, wie es sich auf der Welt wirklich verhält, ist bei vielen öffentlich Schwatzenden gar nicht mehr vorhanden. Es geht nicht mehr darum, wahrheitsgemäß zu beschreiben, wie eine Situation aussieht, um sie wirklich verändern zu können.

Die meisten Leute lassen in dem, was sie redend produzieren oder handelnd für sich beschließen, den Wahrheitsbezug völlig raus. Das nennt Frankfurt »Bullshit«. Er sagt: Ein Lügner weiß wenigsten, was wahr ist, und entscheidet sich bewusst dafür, sich nicht an die Wahrheit zu halten. Die Leute aber, die Bullshit produzieren, interessieren sich überhaupt nicht dafür, was wahr oder falsch ist. Sie haben das Bestreben nach Erkenntnis verloren; es ist für sie keine relevante Größe mehr. Aus irgendwelchen Gründen produzieren sie Luftblasen und Schaum – in den Medien, in den Fachdiskursen, auch in der Erziehungswissenschaft.
Der Bezug auf Erkenntnis – oder Sinn, wie du sagst – ist aber der, rauszukriegen, wie es wirklich ist. Der scheint perdu zu sein.



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www.kinder-philosophieren.de
Die Projektinitiative »Kinder philosophieren« will das Philosophieren in bayerischen Kindergärten, Grundschulen und Horten als integratives und fächerverbindendes Prinzip für Erziehung und Unterricht etablieren.

www.blinde-kuh.de/philosophie/
Philosophie sei so schwer, weil die Bücher immer so schwer sind, soll mal jemand gesagt haben. Bei der neu gestalteten Blinde-Kuh ist Philosophie eher leicht und gut zu verstehen, aber umfangreich.

www.zzzebra.de
Auch das Web-Magazin für Kinder hat etwas zum Thema »Philosophieren« für und mit Kindern. Durchklicken über > Suchen (Inhaltsverzeichnis) > In der Natur > Philosophie.

www.phillex.de
Ein interessantes Lexikon der Philosophie. Einfach auf den passenden Buchstaben klicken oder den Suchbegriff in die Suchmaske eingeben.

www.p4c.at
Die Österreichische Gesellschaft für Kinderphilosophie wurde 1985 mit dem Ziel gegründet, den neuen Forschungszweig »Kinderphilosophie« zu fördern, ihn theoretisch und praktisch weiterzuentwickeln. Die Gesellschaft ist Trägerin des Instituts für Kinderphilosophie, das diese Website betreibt.


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 06-07/06 lesen.

 

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