Betrifft Kinder

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Das Mathematikum in Gießen

Allein der Gedanke an Mathematik weckt bei vielen Erwachsenen ungute Gefühle. Diese hängen meistens mit einem negativen Erleben des Matheunterrichts zu Schulzeiten zusammen. Einen ganz anderen Zugang zu mathematischen Phänomenen bereitet das Mathematikum im hessischen Gießen. Ein Museum, in dem Mathematik konkret erlebbar wird – auch für Vorschulkinder. Elisabeth Gründler stellt es uns vor und sprach mit dessen Gründer Albrecht Beutelspacher. 


Ben lässt die Kugeln rollen. »Ich bin Sieger«, ruft er strahlend, hüpft von einem Bein auf das andere und wirft dabei die Arme hoch. Dann tänzelt der Fünfjährige zum Ende der Bahn, trägt die beiden gleichgroßen Kugeln zurück zum Start und beginnt eine neue Runde. Schon etwa zwanzig Mal hat Ben dieses Spiel gespielt, doch seine Begeisterung scheint sich noch zu steigern. Mit Kugelbahnen kennt er sich aus. Im Kindergarten hat Ben damit bereits Erfahrungen gesammelt: Murmeln auf einer Bahn rollen zu lassen, sie auftauchen und verschwinden zu sehen hat ihn schon immer fasziniert. Doch dieses Spiel geht anders: Auf zwei unterschiedlich geformten Bahnen nebeneinander kann man zwei Kugeln gleichzeitig rollen lassen. Immer gewinnt die Kugel auf der roten Bahn – wenn Ben nicht eingreift. Doch genau das tut er mit Hingabe. Er ist hier der Macher, er bestimmt die Regeln des Spiels.






Spielstationen auf drei Etagen

Zusammen mit 15 weiteren Vorschulkindern und drei Erzieherinnen ist Ben aus Frankfurt nach Gießen ins Mini-Mathematikum gekommen. Das ist ein Bereich des Mathematikums, der speziell für Vor- und Grundschulkinder konzipiert wurde. Das Mathematikum ist ein Museum, wo Mathematik konkret erlebbar wird. Anno 2002 eröffnet, präsentiert es »Mathematik zum Anfassen«. Gründer und Inspirator dieses besonderen Ortes ist der Gießener Mathematik-Professor Albrecht Beutelspacher. Auf drei Etagen wird im Mathematikum eine Vielzahl von Experimentier-, Erkundungs-, und Spielstationen geboten – für Menschen jeden Alters. Das Mini-Mathematikum lädt die jüngeren Kinder ein, an 20 Stationen zu spielen, zu erkunden und zu erproben. Mathematik auf Augenhöhe mit den Kindern. Es ist an Wochentagen vormittags für Vorschulgruppen und Grundschulklassen reserviert. Nachmittags, am Wochenende und in den hessischen Schulferien ist es ganztägig allen BesucherInnen zugänglich und wird hauptsächlich von jungen Familien besucht. 

Mathematik. Allein der Gedanke daran weckt bei vielen Erwachsenen ungute Gefühle: Abstrakte Formeln und Figuren, geometrische Körper und komplizierte Gleichungen, bei denen man nie wusste: Wozu das Ganze? Ein Grundgefühl von Sinnlosigkeit nehmen viele SchulabgängerInnen aus ihrem Mathematikunterricht mit. Und manche kokettieren später damit: »Trotz Fünf in Mathe was geworden!« Während Vorschulkinder noch eine natürliche Freude am Zählen haben und sich mit großem Interesse allem zuwenden, was ihnen hilft, die Symbolsprachen ihrer Kultur – Zahlen und Buchstaben – zu entschlüsseln, ist bei GrundschülerInnen meist nach wenigen Schuljahren »die Luft raus«. Die pädagogischen Erklärungen, was man »später« mit Mathematik alles Aufregendes machen könne, trösten die Schülerinnen und Schüler nicht über das Gefühl von lästiger Pflicht und nervtötender Langeweile hinweg.



Lernen durch Handeln

Mia kommt zur Kugelbahn. Ja, sie darf mitspielen. Ben überlässt ihr großzügig eine Kugel und die blaue Bahn. Die rote, das hat er erlebt, ist immer die Siegerbahn, denn sie ist so geformt, dass die Kugel dort mehr Schwung aufnimmt. Das hat Mia nach wenigen Spielrunden auch ohne Erklärungen verstanden. Doch auch das Mädchen weiß sich zu helfen und gibt ihrer Kugel durch Anstoßen so viel Schwung, dass sie des Öfteren als Siegerin triumphieren kann. 

Die Kinder sind mit ihren Sinnen und dem ganzen Körper aktiv. Sie begreifen im wörtlichen Sinne. Mit ihren Händen erkunden sie die präsentierten Objekte. Hier werden Aspekte der Wirklichkeit angeboten, die in der Symbolsprache der Mathematik in Gleichungen und Formeln gefasst werden können. Doch dies interessiert die Fünf- bis Sechsjährigen noch nicht. Was hier und heute zählt, ist die Freude am Tun und das lustvolle Erleben.

Lernen im Kindesalter geschieht durch Handeln. Schon der Schweizer Forscher und Begründer der Entwicklungspsychologie Jean Piaget entdeckte: Lernen ist Wissenserwerb durch Aktivität, d.h. durch Konstruktion. Durch sein konkretes Tun baut das Kind nach und nach sein Verständnis von der Welt auf. Ein Wissen, das es ständig durch immer neue Aktivitäten erweitert und vertieft. Dabei ist das Spiel das zentrale Handlungsmedium. Es ist, so Piaget, »das individuelle Denken in seiner reinsten Gestalt«. Eine Erkenntnis, die er in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aufgrund von Experimenten und teilnehmender Beobachtung formuliert hat. Das Kind gewinnt sein Wissen über die Welt durch sein Interesse am Tun, durch seine selbstgesteuerte Aktivität und sein spontanes Handeln. Diese wissenschaftliche Erkenntnis hat zwar Eingang in die Lehrerausbildung gefunden, doch in der Unterrichtspraxis dominiert immer noch die Instruktion, eine Methode, die die Passivität des Lernenden erfordert.


 

Mini-Mathematikum unterwegs

Das Mini-Mathematikum geht auch auf Reisen. Das Museum verfügt über Duplikate der Exponate, die an jedem Ort aufgebaut und genutzt werden können. So gastiert das Mini-Mathematikum im Sommer 2017 auf Borkum und in Wolfenbüttel sowie im Herbst 2017 in Hildesheim und Wallenhorst. Näheres finden Sie auf der Homepage unter »Wanderausstellung«. An manchen Orten werden zur gleichen Zeit auch Fortbildungen für ErzieherInnen und LehrerInnen angeboten.

Infos unter
www.mathematikum.de 



Elisabeth C. Gründler unterrichtete als Studienrätin alle Klassenstufen von der Grundschule bis zur Oberstufe. Von Rebeca und Mauricio Wild lernte sie die sensomotorische Mathematik kennen. Sie arbeitete als Politologin und Journalistin und erteilt derzeit an einer Berufsschule jungen erwachsenen Flüchtlingen Deutschunterricht.

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Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 05/17 lesen.



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