Betrifft Kinder

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size

Biografien männlicher Fachkräfte im Kindergarten

Holger Haas, ein Überzeugungstäter im Erzieherberuf, plaudert aus dem Nähkästchen seiner Erfahrungen als Mann in einer von Frauen dominierten Arbeitswelt – und vergleicht sie mit denen jüngerer Kollegen. 


Meine erste Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer, ein Beruf für »richtige« Männer, habe ich bereits 1984–1987 im zarten Alter von 17 Jahren in meinem Geburtsort Stuttgart genossen: Dass der ruppige Umgang unter den Kollegen und das Ausschließlich-unter-Kerlen-Sein nicht ganz meins sind, bemerkte ich schon früh. Als sich zeigte, dass auch meine handwerklichen Präzisionsfähigkeiten nicht wirklich ausreichend waren, um in diesem Beruf glücklich zu werden, beschloss ich, mich neu zu orientieren.

Damals spielte ich leidenschaftlich Theater in der freien Theatergruppe »A Ver«. Aufgrund meines fortgeschrittenen Alters – inzwischen war ich 23 Jahre alt – war der Zug für eine konventionelle Schauspielausbildung leider schon abgefahren. Deshalb reifte in mir die Idee via einer Erzieher- und einer berufsbegleitenden Pantomimenausbildung zukünftig in einem Kindertheater zu arbeiten, daher begann ich die Ausbildung zum staatlich geprüften Erzieher im Stuttgarter Fröbelseminar, einer Fachschule für Sozialpädagogik.






Froh, dem kräftezehrenden Alltag der ewigen Baustelle entkommen zu sein, störte es mich nicht, dass wir in meinem Jahrgang nur fünf männliche Auszubildende waren. Bei rund 70 Auszubildenden war das damals sogar eine außergewöhnlich hohe Quote.  

Zwei meiner Kollegen sprangen vorzeitig ab, die anderen beiden und ich hielten durch bis zur staatlichen Anerkennung. Der eine von uns bekam eine Stelle in einem Jugendhaus und der andere beschloss die Weiterführung seiner Ausbildung mit einem Studium in Sozialpädagogik. Ich selbst wollte vor allem erfahren, was die Themen der Kinder sind, um bei meiner späteren Wunsch-Tätigkeit im Kindertheater auf diesen Erfahrungsschatz zurückgreifen zu können. Eine Stelle als »Springer« war dafür ideal, denn sie gab mir die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit Einblick in viele Einrichtungen zu erhalten, viele unterschiedliche Teams, Eltern und vor allem Kinder kennenzulernen. Innerhalb von zwei Jahren arbeitete ich in etwa 25 verschiedenen Kindergärten und Kindertagesstätten. Meine Erfahrungskiste füllte sich, allerdings nicht nur mit den erwünschten Themen, sondern auch mit unverhofften, wie z.B. dem, was es bedeutet, als Mann an einem bis dato frauendomestizierten Arbeitsplatz zu wirken.



Unverhofft kommt oft


An meinem ersten Arbeitstag prasselten geballte Vorurteile meiner Teamkolleginnen auf mich ein. »Juhuu, ein Mann!«, »Der kann doch gleich mit den Jungs draußen kicken gehen oder sie in der Bauecke kreativ ruhig stellen!« Die Jungs jedoch, wie übrigens auch die meisten Mädchen, trauten meinem Mann-Sein nicht so ohne Weiteres über den Weg. Zum einen hatten sie selbst bereits verinnerlicht, dass es männliche Erzieher »doch gar nicht gibt«, zum anderen deuteten sie meine langen Haare und Ohrringe unanfechtbar als Indizien der Weiblichkeit. Einmal wurde ich sogar von einem Mädchen sozusagen von Frau zu Frau wegen »meiner hübschen Ohrringe« angesprochen und ob ich ein paar Tipps hätte, wo man schöne Ohrringe kaufen könne.

Meinem einmalig geäußerten Wunsch, beim Ankleiden der Puppen zu helfen, wurde von den Erzieherinnen nicht stattgegeben: »Das sei ja wohl eindeutig Frauensache ...« Man, bzw. frau, hatte sich doch so sehr darüber gefreut, endlich einen Mann »zu besitzen«, der den Bewegungsdrang der Jungs standesgemäß bändigt bzw. ihnen beim Ausleben desselben hilft. 

Am Ende des Tages schauten mich dann auch noch manche Eltern so seltsam an. Ein Mann, dazu noch mit Ohrschmuck und wallendem Haar, der sein Geld in einer Kindereinrichtung verdient, konnte von ihnen einfach nicht ernst genommen werden. Ihren abschätzenden Blicken entnahm ich tief eingravierte Vorurteile: lächerlich, peinlich, wahrscheinlich schwul und vielleicht sogar pädophil.

Eine Woche später wurde ich glücklicherweise in einer anderen Einrichtung eingesetzt, aber ich kam vom Regen in die Traufe. Ich brauchte etwa fünf Wochen, um mir über meine Wünsche im Kitaalltag klar zu werden und ausreichend Kräfte zu sammeln, meine Vorstellungen und Ideen – zur Abwechslung mal ohne mir dafür eine Vorab-erlaubnis beim Team einzuholen – umzusetzen. Entsprechend motiviert tobte ich fortan auch mit den Mädchen, inszenierte mit den Jungs in der Puppenecke »rosa« Rollenspiele und hielt mich ansonsten einfach offen für die Anliegen der Kinder. 



Tun statt fragen

Wenn ich mit dieser neu gefundenen Haltung längere Zeit in einem Team arbeitete, kam regelmäßig etwas in Bewegung. Erzieherinnen ließen sich vermehrt auf Rollenwechsel ein, forderten mich gar auf, zum Beispiel mit einem Jungen das zerrissene Kleidchen zu nähen. In einer Kita veranstalteten wir sogar einen »TauscheTag« und konnten damit allen Beteiligten die Unsinnigkeit festgefahrener Geschlechteraufteilung verdeutlichen. Die Jungs kamen in rot-rosa Kleidung, hatten sich sogar etwas geschminkt und kämmten allen Puppen die Haare. Die Mädchen hatten sich dunkle Sachen angezogen und bauten mit den Bauklötzen Türme. Selbstverständlich trugen auch wir Teammitglieder Kleidung, die für das andere Geschlecht typisch waren und versuchten in den getauschten Rollen zu handeln. Am Nachmittag teilten wir uns unsere Erfahrungen mit und siehe da, die meisten aus der Gruppe äußerten sich erstaunt darüber, wie viele der scheinbar naturgegebenen Unterschiede doch nur aufgesetzt sind. Wir reflektierten und vertieften unsere Erkenntnisse an den folgenden Tagen immer wieder aufs Neue. 

Der TauscheTag hatte jedoch, wie schon gesagt, nicht nur Auswirkungen auf uns Teammitglieder, sondern auch auf die Kinder und ihre Eltern. Ein Mädchen ließ sich im Anschluss die Haare raspelkurz schneiden, weil »die langen Zöpfe eh nur genervt haben, und beim Kämmen nur die Mama Spaß hatte«. Bei den Eltern verwandelten sich die vormals seltsamen Blicke in offene Neugier, getragen von einem entspannten Vertrauen und sogar in eine Portion Stolz, einen männlichen Erzieher »ihr eigen« nennen zu können. Für die Kinder wurde es mit der Zeit völlig normal, einen Mann in der Einrichtung zu haben. Das Besondere legte sich.


 

Kontakt

Holger Haas ist 49 Jahre alt und absolvierte eine dreijährige Fachschule zum Erzieher in den 1980er Jahren. Heute arbeitet er als freischaffender Schauspieler und einer von insgesamt sechs LernbegleiterInnen im Kinderforscherzentrum HELLEUM, Berlin.


Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.holgerhaas.com
www.helleum-berlin.de


 



Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 10/16 lesen.


  Zurück zur Übersicht