Betrifft Kinder

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size

Zum Weltspieltag am 28. Mai

Vier Aktionstage im Jahr sollen die Menschheit daran erinnern und darüber informieren, dass Kinder Rechte haben. Gerburg Fuchs stellt in diesem Beitrag die Frage, ob die vier Tage der Kinderrechte – der 28. Mai, 1. Juni, 20. September und 20. November – in Kitas, Schulen und in der Bevölkerung wahrgenommen werden. Und in wieweit sich Bildungslandschaften verändern lassen, wenn Kinder die Möglichkeit haben, dass ihre Gefühle, Ideen, Wünsche und Probleme gehört werden und Resonanz finden.


Am 28 Mai ist Weltspieltag. An diesem Tag würde Pippi Langstrumpf alle Kinder aufrufen, Spielräume in der Stadt zurückzuerobern. Überall in Kitas und Schulen müsste an diesem Tag gespielt werden. »In den zehn Geboten steht ja wohl nicht, dass alte Tanten nicht auf Bäume klettern dürfen!«, schreibt Astrid Lindgren (1907–2002) über ihre Lust am Klettern bis ins Rentenalter hinein.

Spielen können, ohne auf die Uhr schauen zu müssen, ist ein Lebensmoment in höchster Potenz. Das wissen wir alle. Doch Erwachsene schauen gerne auf die Uhr, wie lange eine Spielzeit der Kinder dauern soll und sie definieren Orte, wo das Kind (spielend) lernt. Das macht Kindern auf Dauer keinen Spaß! Am Weltspieltag würde Pippi Langstrumpf alle Erziehenden einladen zum Entspannungstag. Sie dürfen sich ausruhen und an diesem Tag ausnahmsweise zeigen, dass sie die Beine auf den Tisch legen können.



Anpfiff auf die Kinderrechte

Die stetige Zunahme des Verkehrs und Klagen von Nachbarn gegen Kinderlärm sind nicht kinderfreundlich. Spielzeiten und -räume verschwinden von der Lebensbühne, weil Kinder ihre Orte kaum noch selber wählen und gestalten können. Das Schließen letzter Baulücken lässt viele natürliche Spielorte verschwinden. Studien belegen zum Beispiel, dass eines der Hindernisse der hohe Anteil an Autos in der Stadt ist. Der Fahrzeugbestand in Deutschland liegt gegenwärtig auf einem Stand von 61,5 Millionen Einheiten. Das sind im Vergleich zur Anzahl von Kindern 4,7-mal so viele.

Der Trickfilm »Anpfiff auf die Kinderrechte«1 bringt es in knapp vier Minuten auf den Punkt: Zum Beispiel 170.000 Menschen mussten in Brasilien für das Bauen von Stadien und Parkplätzen der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 weichen. »Wir müssen ›falsche‹ Spiele unterbrechen und Kinder spielen lassen«, lautet unter anderem die Botschaft des Films. Anlässlich des Welttags des Spiels 2014 produzierten Jugendliche in Kooperation mit anderen Netzwerken diesen Film.

Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten braucht man, um fair zu spielen? Das erlebt man, wenn man selbst mit anderen Fußball oder Verstecken spielt. Jeder wird etwas anders erleben. Jeder erfährt, wo seine Grenzen sind und seine Fähigkeiten liegen. Jeder wird spüren, dass man Mitverantwortung für das Gelingen des Spiels trägt. Das Recht der Kinder auf freies, spontanes, selbst organisiertes Spiel und andere selbstbestimmte Tätigkeiten in den Bereichen von Kultur und Kunst wird in einer Leistungsgesellschaft kaum ernstgenommen. Ihre natürliche Spiellust mit anderen Kindern zu teilen wird oft zerstört durch in bester Absicht gegebene gezielte Förderung. In diesem Sinne muss man den Weltspieltag schützen vor aufgesetztem Aktionismus. Der Weltspieltag gehört den Kindern. Sie sollen selbst entscheiden können, wo und was sie tun wollen. »Lass die Kinder in Ruhe, aber sei in Reichweite, wenn sie dich brauchen«2, so ein Rat von Astrid Lindgren.






Komm, spiel mit!

»Ich wünschte mir wirklich, dass wir Erwachsenen bald lernen würden, die Kinder zu respektieren, also ernsthaft begreifen, dass Kinder auch Menschen sind und Konsequenzen daraus ziehen würden«3, so Astrid Lindgren. Warum gibt es den Weltspieltag? Damit die Bevölkerung informiert wird, dass Spielen keine Spielerei ist, sondern ein ernst zu nehmendes menschliches Bedürfnis. Pippi Langstrumpf hätte vielleicht mit anderen Kindern zwei Tage vor dem Weltspieltag eine Einladung an alle Haustüren in der Nachbarschaft geklebt mit der Botschaft: »Komm, spiel mit!« Und sie hätte an alle Freikarten verteilt für eine Theatervorstellung, die Oper, das Museum und Konzert, zur Weiterbildung. Ein Traum! »Auf die Plätze, fertig, los!« Kinder erleben viel zu selten, dass ihre Rechte Achtung finden.

Erziehende könnten ebenfalls den Tag als Weiterbildung nutzen. Pippi würde für sie eine Fahrradtour organisieren und allen zeigen, wo es in Kitas, Schulen und draußen im Außengelände kinderfreundliche Spielräume gibt. Es gibt sie überall, doch kennen viele sie noch nicht.4 Das wäre eine gute Idee, den übereilten Versuchen vorzubeugen, für Kinder Spielplätze planen und bauen zu wollen. Kinder, als Experten und Nutzer von Spielplätzen, erfahren kaum ernsthafte Beteiligung. Für eine Beteiligung reichen keine von den Kindern gemalten Bilder aus oder selbstgebaute Modelle, sondern Teilhabe an einem verbindlichen Prozess. Ihr Recht sieht vor, dass sie mitentscheiden, mitwirken und mitgestalten.

Fragt man Erziehende, was sie als Kind am liebsten gespielt haben, so erzählen sie, wie sie damals auf Bäume geklettert sind, zwischen Mülltonnen im Hinterhof Verstecken gespielt haben und mit Freunden durch Straßen und Parks schlendern konnten, ohne dass Erwachsene dabei waren. Das sind Träume aus einer Kindheit, die auch Kinder heute noch haben. Den Ort »Spielplatz« erwähnten die befragten Erwachsenen dabei nicht.



Angst ist das Unglück der Kindheit

»Habe ich nicht gesagt, du sollst runterkommen?« »Ja, aber du hast nicht gesagt, dass ich nicht mehr hinaufklettern darf!«, antwortet der sechsjährige Johannes. Die unmittelbare Teilhabe des Kindes gibt Erwachsenen die Möglichkeit, Kinder in ihrem Denken, Fühlen und Handeln zu erleben. Das Lebensgefühl der Kinder sitzt in den Händen und Füßen, Augen und Ohren. In ihnen steckt die leidenschaftliche Sehnsucht nach der Wirklichkeit des Lebens.

»Erwachsene sagen gar nichts, wenn sie Angst haben. Ich glaube das nicht. Manchmal haben die Angst, weil wir immer so schreckliche Sachen machen«, sagt der fünfjährige Emil. Ein Kind lernt ununterbrochen von den Menschen seiner Umgebung. Es lernt um so mehr, je mehr Erwachsene und Kinder sich selber öffnen und es als Individuum wahrnehmen.

Das Handeln erwachsener Menschen hat Konsequenzen. Astrid Lindgren hat damals für ihre Tochter die Geschichte von Pippi Langstrumpf (1949) erfunden und aufgeschrieben. Der Arzt Heinrich Hoffmann hat den Struwwelpeter (1844) für seinen ältesten Sohn geschrieben. Warum gehören beide Geschichten weltweit zu den erfolgreichsten Kinderbüchern? Der »Daumenlutscher«, »Suppen-Kasper«, »Zappel-Philipp«, der »böse Friedrich« und »Hans Guck-in-die-Luft« erinnern an die Nöte vieler Kinder. Sie identifizieren sich mit den Fantasiefiguren und manche haben Träume davon, so stark zu sein und so viel Macht zu haben, wie Pippi Langstrumpf. Es sind Geschichten, in denen sich der Alltag festhakt. Sie beschreiben den Umgang der Erwachsenen mit den Kindern, sei es um der Ordnung des Zusammenlebens willen, sei es im besser verstandenen Interesse des Kindes, sei es aus Angst vor Gefahren oder vor Fehlentwicklungen, den Kindern mit Mahnungen, Forderungen oder Verboten entgegentreten zu wollen.

In der grotesken Übertreibung wird etwas von der erzieherischen Dynamik und dem Dilemma sichtbar. Wie oft werden Kinder an einem Tag ermahnt, was sie tun und lassen sollen? Ihr Verhalten wird als »Unart« dargestellt und bestraft, doch oft stecken dahinter andere Botschaften der Kinder. Sie ist Ausdruck von seelischer Spannung und unerfüllten Bedürfnisse. »Wenn du ein physisches Problem hast, gehst du zum Doktor, wenn deine Seele schmerzt, musst du einen Menschen finden, der dir zuhört und mit dir spricht«, sagt Maria, zwölf Jahre alt.

Welche Möglichkeiten haben Kinder, ihrer Wut und Aggression einen Ausdruck zu geben? Allein in Deutschland haben rund 600.000 Kinder und Jugendliche Diagnosen, wie frühkindliche Depressionen und ADHS. Aus Sicht der Menschenrechte sollte man statt der medizinischen Diagnosen die Barrieren im Vordergrund sehen, warum Kinder und Jugendliche behindert werden ihre Potenziale zu entfalten. Wenn Kinder oder Jugendliche mit entscheiden, werden sie auch Verantwortung übernehmen und sich dazugehörig fühlen. Am diesjährigen Weltkindertag werden alle, Kinder und Eltern, aufgerufen »zu Fuß zur Schule und in den Kindergarten«5 zu gehen – oder mit dem Fahrrad zu fahren – statt im Auto zu sitzen und sich an das »Taxi fahren« zu gewöhnen.



Recht und Pflicht

Außer dem Weltspieltag gibt es noch zwei Weltkindertage, am 1. Juni und am 20. September. Der Grundstein für den internationalen Kindertag wurde im August 1925 auf der Genfer Weltkonferenz für das Wohlergehen der Kinder gelegt. Für diesen Aktionstag gibt es keinen einheitlichen international geregelten Kindertag. In der ehemaligen DDR wurde der internationale Kindertag am 1. Juni 1950 eingeführt. Sowohl Pionierfeste, Veranstaltungen mit Gratulationen und Geschenken von den Eltern, Lehrern und Erziehern gehörten dazu, als auch politische Kinderlieder, wie das Lied von der »kleinen weißen Friedenstaube«. Es sollte an den Frieden und die Völkerverständigung erinnern. Dieser Tag wird bis heute in den postsowjetischen Ländern gefeiert.

In Westdeutschland hat man den Weltkindertag auf den 20. September gelegt. Er wird in der Bevölkerung weniger wahrgenommen. Seit der Wiedervereinigung gibt es nun zwei internationale Kindertage. Wie steht es um die aktuelle Situation von Kindern? Mit Kindern in der richtigen Weise zu spielen, ist eine große Kunst, erinnerte Ellen Kelly 1902 in ihrem Buch »Das Jahrhundert des Kindes«. »Das Kind wird oft wie ein Ball zwischen den Händen der Erwachsenen hin und her geworfen, da belächelt, hier vorgezeigt, bald weggestoßen, bald herbei gezogen, bald totgeküsst, bald kommandiert, bald gelockt.«6 Wie würde sich ein erwachsener Mensch dabei fühlen?

Die Vereinten Nationen haben den »vierten« Weltkindertag im Jahr, den 20. November, als internationalen Tag der Kinderrechte gewählt, an dem die UN-Vollversammlung die Kinderrechtskonvention von 1989 verabschiedet hat. Das Bewusstsein für die Rechte der Kinder in Kitas und Schulen setzt sich erst langsam in Bewegung. Können solche Aktionstage Anlass werden, bundesweit im Alltagsbewusstsein pädagogischer Fachkräfte die Rechte der Kinder zu verankern? »Wir wissen auch, nur weil Rechte in einer Konvention stehen, sind sie noch lange nicht für jedes Kind Wirklichkeit«, so die Familienministerin Manuela Schwesig 2015 in ihrer Rede anlässlich der 25 Jahre Kinderrechte.

Diese vier Tage können jedes Jahr »Weltspieltage« sein. An allen Bildungsorten sind sie ein feierlicher Anlass da-rüber zu reflektieren, wie wir menschliche Beziehungen mit Kindern gestalten wollen, die sich an dem Maßstab der Kinderrechte ausrichten. Oft hat man weder Ruhe, noch Zeit, noch Geduld, seine eigene Seele und die des Kindes nach seinen Rechten zu bilden. Die Zeit ruft nach »Persönlichkeit«, doch sie wird vergebens rufen, bis wir Kinder als Persönlichkeiten leben und lernen lassen, ihnen gestatten einen eigenen Willen zu haben, ihre Gedanken zu denken, sich eigene Kenntnisse zu erarbeiten, sich eigene Urteile zu bilden und ihre Rechte zu achten. (Vgl. Kelly, 1926)



Gerburg Fuchs, freischaffende Künstlerin und Pädagogin, Autorin. In Kooperation mit anderen Partnern entwickelt und realisiert sie Projekte und Filme, aktuell: »Spielen für die Kinderrechte – die Rolle der Prävention« – eine Prozessbegleitung für das Team in Kitas, Seminare zum Thema »Körpersprache« und »Spiel
– das Recht des Kindes auf Spiel«, sowie den Film »Lass mich spielen – zweiter Teil«.
 

Kontakt
www.gerburgfuchs.de


1 www.kath-kirche-vorarlberg.at/jugend/organisation/junge-kirche-vorarlberg/artikel/201eanpfiff-fuer-kinderrechte-201c-am-welttag-des-spiels
2 Interview mit Astrid Lindgren in der Zeitschrift Vecko Journal (1949), EB. S. 158
3 Andersen, J. (2014): Astrid Lindgren. Ihr Leben. DVA-Verlag, S. 223
4 siehe www.gruen-macht-schule.de
5 siehe www.zu-fuss-zur-schule.de
6 Kelly, Ellen (1926 Das Jahrhundert des Kindes, 36.‚ Auflage, S. 142



Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 05/16 lesen.
 


  Zurück zur Übersicht