Betrifft Kinder

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Kleinstkinder in der Gruppenbetreuung

Wie kann es gelingen, Kinder in der Krippe und Kindertagespflege individuell zu begleiten und zugleich als Gruppe zu führen? Wie lassen sich Konflikte und Übergangssituationen für alle Beteiligten befriedigend bewältigen? Und was bedeutet das für die Fachkräfte? Kira Daldrop reflektiert über das Spannungsfeld der Arbeit mit Kleinstkindern in einer Gruppenbetreuung.


In die Krippe und Kindertagespflege kommen Kinder in den ersten drei Lebensjahren mit unterschiedlichen Erfahrungen, Bedürfnissen und Entwicklungsthemen. Pädagogische Fachkräfte sind Bildungsbegleiter der Kinder und orientieren sich an den individuellen Themen und Bedürfnissen des jeweiligen Kindes. Sie beobachten und dokumentieren seine Entwicklung, geben jedem Kind die Möglichkeit, sich individuell weiterzuentwickeln und tauschen sich mit den Eltern und anderen KollegInnen aus. Auch die Bildungspläne nehmen das Kind in den Mittelpunkt und betonen die Bedeutung einer individuellen Entwicklungsbegleitung und den großen eigenaktiven Anteil des Kindes an seinem Lern- und Entwicklungsprozess.


Individualität versus Gruppe?

In den Hintergrund getreten scheint dabei allerdings, dass Krippen und Kindertagespflege Gruppenbetreuungsformen sind. Das daraus entstehende Spannungsfeld im pädagogischen Alltag ist eine tägliche Herausforderung für alle Beteiligten: Die pädagogischen Fachkräfte befinden sich nicht selten zwischen den »Mühlsteinen« der Bemühung, einerseits jedes Kind individuell zu unterstützen und seine Bedürfnisse angemessen zu beantworten und andererseits der Notwendigkeit, die Gruppe im Blick zu behalten und die Organisation bzw. Gestaltung auf die, mitunter große, Kinderzahl auszurichten. Auch für die Kinder ist die Gruppe nicht nur eine Chance und Bereicherung1, sondern kann auch Stress und erhöhte Anforderungen bedeuten.2

Eine Kindergruppe bedeutet für alle Beteiligten eine enorme Steigerung der Komplexität. Die Kinder müssen sich zunächst an das Zusammensein und das Verhalten in Gruppen gewöhnen. Das schaffen sie in der Regel mit der nötigen Zeit ganz gut: Dabei stehen sie allerdings vor folgenden Herausforderungen, bei denen sie eine responsive Begleitung3 der pädagogischen Fachkräfte benötigen:

  • Beziehungsaufbau zur pädagogischen Fachkraft,
  • Beziehungsaufbau zu einem anderen Kind,
  • spielen und sich aktiv beschäftigen in Anwesenheit anderer Kinder,
  • gemeinsam spielen,
  • schwierige Situationen, Konflikte und Probleme aushalten und lösen lernen,
  • soziales Wissen aufbauen (z.B.: Kinder sind anders als Erwachsene)4,
  • Wissen um Abläufe und Verhalten in der spezifischen Kindergruppe im Kontext von Krippe und Kindertagespflege.5

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass das Sicherheitsgefühl in der Beziehung zur pädagogischen Fachkraft, neben der Erfahrung von Feinfühligkeit in der direkten Interaktion mit dem Kind, auch im Zusammenhang mit dem professionellen Handeln in der Kindergruppe steht. Wichtige Faktoren sind demnach, wie gut es der pädagogischen Fachkraft gelingt, die Gruppen zu regulieren und dass sich die Atmosphäre durch empathisches und der Gruppe zugewandtes sowie responsives Interaktionsverhalten auszeichnet.6


Gerechtigkeit und andere Herausforderungen

Eine besondere Herausforderung für das erlebte Dilemma zwischen individueller Begleitung der Kinder und Gruppenfokus ist die Frage nach Gerechtigkeit in einer Kindergruppe sowie der Einfluss aller Beteiligten, sowohl der Kinder als auch der pädagogischen Fachkräfte, aufeinander.

Bei zwei und mehr Kindern in einer Kindergruppe steht die pädagogische Fachkraft unter dem sogenannten Zwang zur Gerechtigkeit7: Jede Regel, die aufgestellt wird, muss für alle gelten. Das kann es schwierig machen, die unterschiedlichen Bedürfnisse, Interessen und Spiel- und Lernformen der Altersgruppe von Kindern in den ersten drei Jahren in einer Gruppe miteinander zu vereinbaren. Denn was für einen gilt, dass muss auch für alle gelten, z.B. Herumrennen in kleinen Räumen in Verbindung mit lautem Schreien, lautes Klopfen mit einem Holzbaustein auf das Regal usw.

Das Spannungsfeld zwischen »Ich weiß und sehe, dass dieses Spiel dich gerade interessiert« und »Zehn andere Kinder werden aus ihrem Spiel gerissen, holen sich ggf. auch ein Auto und tun es dir nach« ist schwer auszuhalten und wartet noch auf eine Lösung. Welche Regeln sollen in der Gruppe gelten? Wann lassen sich individuelle Interessen und Gruppeninteressen (z.B. nach möglichst ununterbrochenem Spiel) nicht mehr vereinbaren und wer entscheidet dies bei den Kindern? Muss das einzelne Kind sein Bedürfnis unterdrücken? Oder wird eher eine Beeinflussung der gesamten Kindergruppe in Kauf genommen? Und was ist eigentlich mit den Bedürfnissen der pädagogischen Fachkräfte? Was müssen sie (z.B. an Lautstärke) aushalten?

Für eine große Kindergruppe ist ein Rahmen für möglichst ununterbrochenes Spiel sehr wichtig, kann aber auch zu einer Herausforderung werden. Wichtig ist, dafür bestimmte Bedingungen zu schaffen: das sogenannte entspannte Feld.8 Eine Konkurrenz um Ressourcen wie Spielplatz, Spielzeug oder SpielpartnerIn kann die Häufigkeit der Konflikte um ein Vielfaches steigern9 und führt immer wieder zu Unterbrechungen, die die Gruppenatmosphäre und die Aktivitäten beeinflussen. Die pädagogische Fachkraft muss dann neben der Konfliktassistenz auch die Regulation der Gruppe meistern.



Vgl. Becker C., in diesem Heft
2 Dollase R. (2015): Gruppen im Elementarbereich. Stuttgart, S. 108-112
Gutknecht D. (2015-1): Bildung in der Kinderkrippe. Stuttgart, S. 9
Dollase (2015) S. 114f
Gutknecht (2015) S. 39f
Becker-Stoll F. (2011): Qualitätsstandards der Krippenbetreuung in Deutschland und Europa. In: Kißgen R., Heinen N. (Hrsg.): Familiäre Belastungen in der frühen Kindheit. Früherkennung, Verlauf, Begleitung, Intervention. Stuttgart, S. 183; Ahnert L., Gappa M. (2013): Bindung und Beziehungsgestaltung in öffentlicher Kleinkindbetreuung. In: Leu H., v. Behr A. (Hrsg.): Forschung und Praxis der Frühpädagogik. Profiwissen für die Arbeit mit Kindern von 0-3 Jahren. München/Basel, S. 115
Dollase (2015) S. 91ff
Hauser B. (2013): Spielen. Frühes Lernen in Familie, Krippe und Kindergarten. Stuttgart, S. 33f
Dollase (2015) S. 92

 


Den vollständigen Beitrag und weitere Artikel zum Thema können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 03/17 lesen.



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