Betrifft Kinder

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Instrumente schlau bauen

Tastest du noch oder touchst du längst? Wollen Kinder heute Musik hören oder produzieren, berühren sie zunehmend Bildschirme, nachdem sie lange Zeit per Tastendruck auf CD-Player oder Kassettenrekorder die Klänge herbeiholten.

Wo und wie entsteht das, was sie hören? Viele von MP3-Player, Radio und Tablet wiedergegebenen Musikstücke sind heute genauso global produziert wie manches Lebensmittel oder viele Haushaltsdinge: Die Tonspur aus Amerika, die Gesangsstimme aus England, verfremdet und aufgepoppt mit einem asiatischen Elektronikprodukt, gehandelt in Deutschland, versteuert in einer Steueroase.

Zwar erzählen uns die meisten Songs, die wir hören, eine Geschichte und transportieren eine Stimmung, aber wir wissen längst nicht mehr eine Antwort auf die Frage: Besteht die Melodie, die uns das Smartphone, das Fisher-Price-Spielzeug oder die App »Guitar Band« wiedergeben, eigentlich aus echten Klänge, die einmal mit »richtigen« Musikintrumenten erzeugt wurden? Oder wurde das, was wir hören, nur noch rein elektronisch erzeugt, also virtuell? Gaukelt man uns nur vor, »handgemachte« Musik zu hören?





Das mag uns egal sein, bedenklich muss uns aber stimmen, wie uns das Selbermachen auf diesem Wege entgleitet: Wir begeistern uns am authentischen Charme von Amateur-Musikaufnahmen, die aber fern von uns hergestellt wurden und nun per Youtube oder anderen Internetkanälen zu uns gelangen.

Selbstgemachte Musik ertönt immerhin noch in vielen bürgerlichen Familien. Meist nicht deshalb, weil Erwachsene zum Feierabend flöten oder geigen – das machen die wenigsten, oder? Sondern weil es dort üblich ist, Kinder mindestens ein Instrument lernen zu lassen. Hoffentlich entdecken all die Antons und Luisen das verordnete Musizieren als eine für sie selbst sinnstiftende Betätigung, statt sie nur als Ergebnis einer für sie uralten Kultur, mit der sich anzufreunden man unfreiwillig genötigt wird, wahrzunehmen!

Es ist gut, mit jungen Kindern zum Anfang zurückzukehren. Der liegt ganz zweifelsohne bei der Freude, Klänge zu erzeugen – wohltuende, quasi musikalische, wie störende oder irritierende. Deshalb lohnt es sich, gemeinsam Musikinstrumente zu erfinden. Eine Erfindertätigkeit, die man in zwei Richtungen vollführen kann: Man kann sich einmal bekannte Instrumente anschauen und versuchen, diese vereinfacht nachzubauen. Oder man untersucht die Welt um einen herum auf Klangeffekte und probiert, diese in Form von Geräten einzufangen, sozusagen losgelöst vom Fundort erzeugen zu können.





Wenn ich mit Kindern – oder Erzieherinnen, im Rahmen von Fortbildungen – Instrumente baue, gehen wir beide Wege. Denn beide bescheren uns Erkenntnisse in einem Themenfeld, das für die viele Musikfreunde absolut uninteressant scheint: der Physik. Denn Musik ist die reine Physik, mit all ihren Strömungseffekten, Schwingungen, Hebelwirkungen, die wir nie verstanden haben. Beim Bauen von Musikinstrumenten haben wir die Chance, uns auf neue Art damit vertraut zu machen, denn nun haben wir ein Ziel: Wir wollen, dass das Ding möglichst laut und lange »klong« macht. Oder »quietsch«. Oder »schepper«. Oder im besten Fall alles zusammen – und trotzdem klingt es gut! Probieren wir es aus?

Michael Fink


 


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