Betrifft Kinder

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Wie Kinder im Spiel die Sprache erobern

»Das Kind hat hundert Sprachen, in denen es sich ausdrücken kann«, sagt Loris Malaguzzi, der Begründer der Reggio-Pädagogik, »… sei es durch Worte oder durch Werke, die es gestaltet!« Die Erzieherinnen der Kita Böhmische Straße haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich den »hundert Sprachen« der Kinder zu öffnen. Barbara Leitner berichtet.

Am Morgen steht in den vier Gruppen der oberen Etage in der Kita Böhmische Straße der »Kindertagesstätten SüdOst, Eigenbetrieb von Berlin«, der Morgenkreis auf dem Plan. 20 Minuten nach neun spielen die Kinder von Heike Gaedke noch immer mit den Puppen, angeln, puzzeln oder malen. »Manchmal brauchen die Eltern am Morgen länger«, kommentiert die Erzieherin ruhig. Ihr ist es wichtig, dass alle Kinder den Morgenkreis erleben und mitgestalten. Als bekomme sie Zeit geschenkt, wendet sie sich den malenden Mädchen am Tisch zu: »Welche Farbe hat das Kleid von Rapunzel? Was ist links auf dem Bild zu sehen, was rechts?« Die Mädchen antworten redegewandt, wie Fünf- und Sechsjährige es tun. Ein Junge zeigt ihr, dass er heute Spiderman dabei hat. »Der kann klettern«, erklärt er und schaut seine Erzieherin mit seinen dunklen Augen an. Heike Gaedke hält den Blick, sie ist ganz bei dem Jungen und fragt nach: »Wie macht er das?« Jede Mitteilung eines Kindes nimmt sie wie ein Geschenk entgegen und gibt dem Kind Neugier und Interesse zurück.


Der Morgenkreis als Sprachbad

Um 9.30 Uhr darf Hannah den Gong schlagen. Die Erzieherin singt und ruft die Namen aller 15 Kinder, um nun den Morgenkreis zu beginnen: Zunächst mit dem Gespräch über das Datum und das Wetter, dann mit einem imaginären Spaziergang durch den Regen und anschließendem Wärmen an einem aus einem elektrischen Teelicht gezauberten Feuer zwischen Holzstöcken im Kreis. Es folgen immer wieder Einlagen mit Orff’schen Musikinstrumenten und schließlich ein Laternenumzug, bei dem jedes Kind einmal die Laterne halten darf. Zum Abschluss kreist ein Teelicht in der Runde und Heike Gaedke singt mit allen zusammen für jedes Kind: »Ich schenk dir ein kleines Licht ... Ich hab dich gern!« 20 Minuten sind wie im Flug vergangen.

Auf die Frage, welcher Tag heute sei, purzeln die Wochentage durcheinander. Freundlich nimmt die Erzieherin alles auf, auch die Irritation eines Kindes, das einen störenden Faden an seinem Pullover entdeckt. »Was möchtest du, das geschieht?«, fragt sie. »Abschneiden!«, ist seine Bitte. Die Schere wird geholt und sofort finden mehrere Kinder Fäden an ihrer Kleidung. Heike Gaedke lässt sich auch davon nicht beirren. Alles darf sein, alles wird ernst genommen. Ein Kind, das neu in der Gruppe ist, weint. Heike Gaedke fragt, ob es traurig sei. Sie bietet Trost an. Die älteren Kinder räumen wortlos den Platz neben ihrer Erzieherin, damit sie die Hand des neuen Kindes halten kann. Den Fünf- und Sechsjährigen sind die Abläufe bereits vertraut, sie wissen, dass hier jeder wichtig ist. Bereitwillig geben sie die Laterne weiter und werden auch nicht ungeduldig, als sie warten müssen, bis zwei Kinder die Holzscheite für das imaginäre Lagerfeuer aufgeschichtet haben. Alles sieht spielerisch leicht aus, wie im Jetzt geboren.

Heike Gaedke allerdings stellt klar: »Ich komme nie unvorbereitet!« Alles, was sie tut, ist genau überlegt. Jeweils ungefähr sechs Wochen durchlebt sie mit den Kindern den Morgenkreis unter einem festen Motto. Dann kommt das nächste Thema dran, wesentlich durch die Interessen der Kinder bestimmt. Typische Lieder gehören dazu, genauso wie klassische und andere Musikstücke.

Für jede Woche schreibt sie einen Plan, in dem sie für sich klärt, welche Worte, welche Inhalte sie den Kindern vermitteln will, um ein Thema über die Woche weiterzuführen. Die Beobachtung ihrer Gruppe zeigt ihr allerdings mitunter etwas anderes als auf ihrem Plan steht. »Heute standen die Kinder frühzeitig von ihren Stühlen auf und liefen im Kreis. Das zeigt mir, dass sie mehr Bewegungslieder brauchen.« Seit zwei Wochen singen die Kinder bereits das Laternenlied. Sie kennen es. Es gefällt ihnen. »Hier kann nun etwas Neues kommen!«, findet Heike Gaedke.

Wie eine Choreografie inszeniert Heike Gaedke jeden Morgen diese 20 Minuten als ein wärmendes, wohltuendes »Sprachbad«. Die Essenzen sind genau abgestimmt: Dunkelheit gibt einen Moment der Ruhe. Der darf nicht zu lang sein. Dann brauchen die Kinder wieder einen Impuls: Vielleicht indem sie Triangel, Zimbeln oder Glöckchen schlagen oder die Erzieherin Gitarre spielt? Und vielleicht passt noch eine klassische Musik dazu, eine, die die Kinder nicht aus dem Fernsehen kennen und die sie zu Bewegungen anregt?

Auf ihrem 45-minütigen Heimweg von Neukölln nach Köpenick spult die 44-Jährige ihre Choreografie vor und zurück. Bis sie zu Hause ankommt, weiß sie meist schon, welche Geschichte oder welches Gedicht sie am nächsten Morgen vortragen wird. Auch die Kinder bringen ihre Lieblingsbücher und -lieder mit in den Kreis. Was dadurch entsteht ist Kunst, pädagogische Kunst.





Tänze und Bilder sind Sprache

Die Kita in der Böhmischen Straße liegt im Norden des Bezirk Neukölln. Sie wird von 141 Kindern besucht. Hundert der Kinder haben den Status »nichtdeutscher Herkunftssprache«. Die meisten Familien leben in einem »Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf«. »Ein erheblicher Anteil der Kinder, die wir aufnehmen, spricht anfangs wenig bis gar kein Deutsch«, beschreibt die Leiterin Ortrud Stehle das Einzugsgebiet der Kita. Für das Team sei es deshalb eine zentrale Frage, wie die Kinder in die deutsche Sprache finden, wie es allen Kindern von Anfang an ermöglicht wird, aktiv am Kitaleben mitzuwirken und sich als kompetent zu erleben. Auch angeregt durch das Bundesprojekt »Frühe Chancen – Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration« setzen sich die Erzieherinnen seit 2012 intensiv mit dieser Frage auseinander. Loris Malaguzzi, der Begründer der Reggio-Pädagogik, spricht von den 100 Sprachen der Kinder. All diese Sprachen zuzulassen, zu fördern und als gleichwertig zu behandeln – über Bewegung, Lieder, Tänze oder über Bilder – ermöglicht allen Kindern ihren inneren Eindrücken einen Ausdruck zu verleihen. So können sie von Beginn an etwas zum Gruppengeschehen beitragen. »Sie erleben sich als wirksam und zugehörig – eine wichtige Basis, von der aus sich die Kinder selbstbewusst und mit offenem Herzen allen weiteren Herausforderungen stellen«, fasst die Leiterin ein wichtiges pädagogisches Ziel zusammen.

An diesem Tag trägt Heike Gaedke Jeans und Strickpullover. »Rein äußerlich strahle ich gerade für die neu zu uns kommenden Kinder aus türkischen oder arabischen Familien wenig Vertrautes aus«, ist sie sich bewusst. »Als ich meine Haare abgeschnitten hatte, sagten die Kinder zu mir, ich sei ein halber Mann und würde wie ihre Väter Hosen tragen.« Das ist ein Merkmal, das verunsichern kann. Ein anderes ist die deutsche Sprache. Sie wirkt härter, strenger als das Türkische oder Arabische, hat eine ganz andere Melodie. »Deshalb braucht es etwas anderes, etwas Drittes, was zwischen uns entsteht, ein Quäntchen Sympathie, Vertrauen und Interesse aneinander. Das finden wir durch das gemeinsame Tun in unserem Spiel. Da begegnen wir uns auf Augenhöhe und erleben so Zugehörigkeit«, erklärt die Facherzieherin für Integration ihre Arbeit.

Im Verlauf des Vormittages wandert der Blick der Erzieherin immer wieder ruhig von einem Kind zum anderen. Nichts scheint sie zu treiben oder zu stressen. Jeden Moment wirkt sie präsent und mit dieser Kraft sieht sie jedes Kind als besonders. Und das zeigt seine Wirkung. Kein Kind erlebe ich an diesem Tag unruhig, ungeduldig, aggressiv oder im Gegenteil: zurückgezogen, isoliert, starr. Ja, es gibt einen Jungen, der sich zunächst mit gesenktem Kopf im Kreis bewegte, einem anderen ein Bein stellte. Doch mit der Laterne in der Hand hebt er stolz sein Haupt. Das scheint auch ein wichtiges Rezept von Heike Gaedke zu sein: den Kindern Verantwortung zu geben. »Ihr seid Musiker. Ihr müsst jetzt spielen«, fordert sie die Gruppe auf.

Nach dem Morgenkreis tobt die Mehrzahl der Kinder im Garten. Ein Mädchen rutscht mit einem Buch in der Hand auf den Schoß der Erzieherin und bittet sie, ihr vorzulesen. Zwei andere Kinder kommen dazu und wollen dabei sein. Heike Gaedke fragt das Mädchen, ob sie damit einverstanden sei. Das Mädchen sagt »Nein« und die beiden ziehen ohne Murren weiter. »Kinder, die durch die Atmosphäre in ihrer Gruppe eine emotionale Grundsättigung erleben, die erfahren, dass ihre Wünsche ernst genommen werden, können eine solche Situationen leicht akzeptieren«, ist die Kita-Leiterin überzeugt.



Welche Farben hat die Welt?

Im Nachbarzimmer bereitet unterdessen Annette Hempel den Tisch für das Aquarellmalen vor: Schwämme, Wasserbehälter, eine Palette mit Farben, Pinsel, Papier. Die Kinder wissen: Immer fünf Plätze sind da, wenn einer frei ist, kann der Nächste malen. Ein Junge sieht, dass alle Plätze besetzt sind und geht ohne zu murren. Er weiß, das nächste Mal findet er einen Platz.

Am Tisch färben die Kinder die weißen DIN A5-Blätter mit Farben. Fragend schaut sich ein Kind zur Erzieherin um: »Ist das richtig?«, will sie wissen. »Es ist dein Bild. Du kannst malen, was du möchtest«, erwidert diese. Annette Hempel kennt die Phasen, in denen sich die Kinder dem Spiel mit der fließenden Farbe annähern. Erst versuchen sie etwas gegenständlich abzubilden. Dann staunen sie, wie die Farben verlaufen. »Jetzt ist es eine Pfütze geworden«, freut sich ein Mädchen über die Wandlung auf ihrem Papier. Bei einer anderen Malerin ist das Wasser verbraucht. Ich verspüre den Impuls, zu helfen. Annette Hempel scheinbar nicht. Sie steht ruhig hinter den Kindern, schaut ihnen mit Abstand zu, wartet, fragt dann: »Was möchtest du?« Das Kind formuliert seine Bitte und die Erziehern ergänzt den Satz: »Ich spüle deinen Behälter aus und fülle dir das Wasser auf.« Ich bewundere, wie gelassen sie den Kindern Raum gibt, ihnen gerade dadurch Zutrauen vermittelt. Die 46-Jährige korrigiert meinen Eindruck. »In mir sieht es gar nicht ruhig aus. Da sprudelt es.« 20 Jahre sei sie Erzieherin. Da habe sie gelernt, sich zurückzuhalten, trotz tausend eigener Ideen. »Ich will nichts vorgeben. Die Kinder kriegen schon genug Vorgaben. Wenn ich ihnen sage, wie sie es machen sollen, kann ich nicht entdecken, was in ihnen ist.«

Ein Mädchen faltet ihr mit Farbe gesättigtes Blatt und schaut gespannt in die Runde. »Probiere, was passiert!«, hatte die Erzieherin sie ermuntert. In den vielen Jahren ihrer Arbeit habe sie gelernt, dass durch die Ideen der Kinder Überraschenderes und Schöneres entstehe, als durch ihre Anleitung. Deshalb bietet sie den Kindern immer neue Gelegenheiten, über das eigene Tun Fragen zu stellen, um damit zu neuen Einfällen zu kommen. Tage zuvor hatte die Erzieherin zum Kartoffeldruck eingeladen. Eine der vielen Gestaltungstechniken, die die Kinder in der Kita kennenlernen. Durch die Kunst kam die Neugier auf die Kartoffel. Die Kinder wollten wissen, was für eine Pflanze das sei, wo und wie sie wächst. Sie schauten einen Film aus der Löwenzahn-Sendung, gingen in die Bücherei und entschieden sich, Kartoffeln keimen zu lassen und neue Pflanzen zu ziehen.

Annette Hempel legt einen dicken Projekt-Ordner auf den Tisch, in dem dokumentiert ist, was die Kinder im zurückliegenden Jahr gestalteten. »Die Welt mit ihren Farben« steht darauf, ein großes Projekt, das vom ganzen Team getragen wurde.




Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 03/16 lesen.